Lesezeit: 5 Minuten
Ich tauchte tief in Finding Atlantis und das, was ich dort fand, überraschte. Für das Verständnis bedarf es einen Blick in die Vergangenheit. Nach dem toxischen Farbrausch für Erwachsene und dem monströsen Rülpsspektakel für Kindern besuchten mich Space-Delphine. Gemeinsamkeit der HYBR Games? Eine App und dazu maximale Verrücktheit. Die App ist in Finding Atlantis geblieben. Das Abtauchen nach dem sagenumwobenen Atlantis ist im Vergleich zu den spielerischen Vorgängern aber so seriös wie eine Firmung bei Erzkatholiken. Was ist dann da nun passiert?

Kurzcheck: Darum geht es in Finding Atlantis

In Finding Atlantis verkörperst du einen verdammt seebärigen Charakter, der über das Kommando eines U-Boots verfügt. Dein Ziel: vor allen anderen das versunkene Atlantis finden. Dafür besitzt du wie alle anderen ein Set an Handkarten, ein Sichtschirm und dahinter eine leere Landkarte mit Rastern, auf dem dein U-Boot und die deiner Mitspielenden stehen. Die App erstellt auf dieser Landkarte nun ein unbekanntes Spielfeld und generiert irgendwo vier bzw. sechs angrenzende Felder je nach Spielfeldgröße, die Atlantis verkörpern und weitere versunkene Schätze. Wo was steckt, wisst ihr nicht! Es erinnert hier sehr stark an das klassische Schiffe versenken, wobei eben die App das Verstecken der Boote ergo Atlantis für euch alle übernimmt.

Bist du am Zug U-Boot, wählst du eine Handkarte, scannst sie über die App ein und führst dann die Aktion der Karte aus. In kurz: Du steuerst dein U-Boot unter Wasser, du scannst Felder um dich herum oder tauchst tiefer um Atlantis oder Artefakte zu bergen. Das Spiel besitzt dabei eine Heimlichkeit, die Spannung erzeugt. Zwar wissen die anderen durch die gescannte Karte, wie viele Felder du ziehst und können hinter ihrem Sichtschirm Vermutungen notieren, wo du aber wirklich hinziehst, trägst du geheim in die App ein. Nur die App weiß also, wo ihr euch alle befindet. Scannst du Felder, werden deine Infos allerdings öffentlich durch die App preisgegeben. Wer bei anderen die Bewegungen gut nachvollzieht, hat also einen Informationsvorteil. Warum dabei nun aber eine fiese Prise Taktik dazu kommt, klärt der nächste Absatz.

Es wird gekritzelt und nachvollzogen bis der Kopf qualmt.

Kartenmangement

Hast du eine Karte gescannt, kommt sie auf einen persönlichen Ablagestapel. Irgendwann hast du keine Karte mehr auf der Hand. Dir geht also der spielerische Sauerstoff aus. Ergo musst du zum Luftholen auftauchen, um entsprechend alle Karten wieder auf die Hand nehmen zu können. Auftauchen klingt für ein U-Boot nicht nur unsexy, es ist es auch. Beim Auftauchen wird von der App nämlich dein aktueller Standort preisgegeben. Eine Sache, die du eigentlich immer vermeiden willst. Stell dir vor, du führst eine Bergung auf deinem Feld aus und die App verkündet lautstark, du hast ein Teil von Atlantis gefunden. Powerfaust geballt! Wenn du nun mit der nächsten Aktion auftauchen musst, weil du keine Handkarten mehr hast, willst du dir mit der Powerfaust am liebsten dein eigenes Gesicht massieren. Die wenigen möglichen Bewegungen, die Reihenfolge beim Ausspielen der Karten und wann du diese zurücknimmst musst du also durchaus geschickt planen!

Deine Handkarten. Die rechts leicht abgegrenzten Karten besitzt man nur im interaktiveren Spielmodus. Dazu gesellt sich eine asymmetrische Captain-Karte.

Atlantis? Gebirge, Junge!

Das Herumstochern nach Atlantis wäre so natürlich recht langweilig. Darum gibt es einen Kniff. Wenn du deine Umgebung um dein U-Boot herum mit dem Sonar scannst, wird die App niemals direkt Atlantis anzeigen. Es zeigt dir Gebirge oder die tiefe leere See. Gebirge heißt, dort könnte Atlantis liegen oder ein Artefakt.Wer nun stumpf auf jedem Gebirgsfeld die Aktion Bergen benutzen würde, bräuchte viel zu viele Aktionen. Finding Atlantis ist ein Wettrennen! Des Rätsels Lösung: Um ein Atlantisfeld herum müssen senkrecht wie auch waagerecht Gebirge sein. Wenn du also die Topografie der Karte kennst, weil du taktisch klug dein Sonar einsetzt, kannst du deduktiv Atlantis viel schneller finden. Darum sind aufgeschnappte Informationen der Mitspielenden so wertvoll, weil man selbst viel schneller Atlantis finden kann. Diese Hatz nach Atlantis macht durchaus Spaß! Spätestens wenn die erste Person ein Teil von Atlantis entdeckt, ist Puls angesagt.

Die komplett aufgedeckte Karte aus der Perspektive der Ostkante in der App am Spielende.

Spätestens jetzt kommt die Phase, wo man froh ist Artefakte geborgen zu haben. Dadurch erhältst du mächtige und einmal einsetzbare Karten, die durchaus eine Partie drehen können. Interaktion ist also vorhanden. Besonders fies, wenn du ein Artefakt birgst, bleibt es für die anderen in der App ein Gebirge. Das ist deshalb relevant, weil ein Gebirge andere dazu verleitet, dort selbst etwas bergen zu wollen. Zweimal Artefakt an der gleichen Stelle hat aber Hausverbot. Stattdessen greift dich dann ein Seeungeheuer an. Heißt im übertragenen Sinne Salzwasser ohne Ende schlucken. Anders gesagt, die App haut dir einen miesen Malus um die Ohren. Lass dich überraschen! U-Boot fahren ist eben keine Butterfahrt.

Artefakte machen glücklich!

Captain Sonar?

Wenn der Spielspaß ständig im Meer schippert, kann er leider Rost ansetzen. So kurzweilig und cool dieses aufgepimpte Schiffe versenken auch ist, ein Element schwächelt etwas. Es liegt sicher auch an meiner Hirnkapazität, zum anderen aber auch an der spielerischen Unterstützung. Die Mitspielenden zu beobachten, ihre Position versuchen nachzuhalten und natürlich auch ihre preisgegebenen Informationen durchs Sonar, ist für meinen persönlichen Spielspaß relevant. Es erinnert an Captain Sonar. Die Mischung aus kleinem Zettel, wirklich vielen Informationen und den durch die geheime Bewegung durchaus vielen einzukalkulierenden Möglichkeiten ist aber schon eine deduktive Mammutaufgabe. Ich verstehe alle, die sich dieser Aufgabe nicht stellen. Man kann trotzdem Spaß haben. Es ist dann eben nur ein solitäreres Wettrennen.

Eine Partie, vier verschiedene Ansätze.

Fazit

Finding Atlantis ist gelungenes kompetitives, strategisches Deduktions-Wettrennen mit einer coolen Mischung aus Kartenmanagement, App und eigenen wilden Kritzeleien hinter Sichtschirmen. Schiffe versenken habe ich als Kind geliebt und der Charme und die Spannung nach dem richtigen Treffer ist auch hier definitiv versteckt. Asymmetrische Fähigkeiten und viele fiese Artefakte sorgen zudem immer wieder für ein anderes Spielgefühl. Dazu ist es ziemlich schick, kommt es nämlich trotz Scan-Technik ohne QR-Codes aus. Das hat schon was! Einzig beim Captain-Sonar-Feeling, also dem Verarbeiten von Informationen anderer U-Boote, schwächelt das Spiel. Die Möglichkeiten sind oft zu mannigfaltig und mein Hirn zu alt und der Raum auf den Seekarten für diverse Skizzierungen zu klein. Trotzdem ist Finding Atlantis ein witziger Absacker und aus meiner Sicht das geschliffenste Brettspiel für Erwachsene von HYBR Games.

Finding Atlantis

27,99 €
7.8

AUSSTATTUNG

7.5/10

SPIELIDEE

8.0/10

SPIELSPASS

7.8/10

Kurzfakten

  • Aufgemotztes Schiffe versenken
  • Kartenmangement spaßig
  • App fehlerfrei
  • Kurzweiliges Wettrennen
  • Deduktion kann überwältigen
  • Anpassbare Spieloptionen

Spielinformationen

  • Genre: Deduktions-Wettrennen
  • Personen: 1 - 4
  • Alter: ab 12 Jahren
  • Dauer: 30 - 60 Minuten
  • Autor/in: Andreas Wilde
  • Rezensionsexemplar erhalten
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