Lesezeit: 6 Minuten
Die Abenteuer des Robin HoodDas Brettspiel Die Abenteuer des Robin Hood erzählt eine Geschichte von Kindern, die nach spannenden Entscheidungen so stark auf den Tisch mit Fäusten trommelten, dass ich gedanklich schon zur Heparin-Salbe hechtete. Immersion? Der Bogen ist maximal gespannt! Es ist aber auch ein Abenteuer, welches mechanisch unheimlich frische Akzente setzt und gleichzeitig eine exzellente Leichtigkeit versprüht. So spannend die Kapitel dieses kooperativen Abenteuer-Spiels sind, so leicht kann man sie aus der Schachtel wegspielen. Wir haben uns nicht nur einmal als Familie gegen den Sheriff von Nottingham gestellt, sondern haben im Anschluss einen weiteren Ausflug zu zweit gewagt. Folgt mir in den Sherwood Forest und ich werde euch spoilerfrei von diesen Reisen berichten.

Kurzcheck: Darum geht es in Die Abenteuer des Robin Hood

Die Abenteuer des Robin Hood lassen euch an den Anfang der klassischen Geschichte springen. Ihr übernehmt je nach Personenanzahl die Rollen von Robin Hood, Little John, Maid Marian und Will Scarlet und kämpft für die Gerechtigkeit. Das Spiel ist so aufgebaut, das bis auf ein kleines Beiblatt keine Anleitung gelesen werden muss. Man lernt die Regeln beim Spielen. Dafür sorgt das wirklich hochwertige Abenteuerbuch. Es leitet die ersten Kapitel regeltechnisch und ist danach für die Spielereignisse zuständig. Keine Karten, keine Marker, keine Würfel, nur das Buch! Das Konzept von Die Abenteuer des Robin Hood wird hier das erste Mal deutlich: So unkompliziert wie möglich, ohne auf ein komplettes immersives Spielerlebnis zu verzichten.

Ihr wandert abwechselnd über das Spielbrett, redet mit Personen, kämpft gegen Wachen und müsst versuchen, die sehr unterschiedlichen Aufgaben der Kapitel zusammen zu lösen. Innerhalb einer Kampagne verändert sich das Spielerlebnis, wenn man in einer Partie scheitert. Eine Kapitelwiederholung nach einer Niederlage ist so weniger langweilig. Zusätzlich verzweigt sich der Weg innerhalb der Kampagne, je nach gewählten Entscheidungen. Eine veränderte Geschichte bei einem zweiten Spieldurchgang sorgt für weiteren Langzeitspielspaß. Verlassen wir die grobe Übersicht und schauen uns im Detail einmal die wirklich frischen Mechaniken an.

Die Abenteuer des Robin Hood

Auf geht es!

So frisch, das perlt ja noch!

Frische Mechanik ist ein Schlagwort, das brüllt der Blogger so gerne, wie Aale-Dieter auf dem Hamburger Fischmarkt seine Ware anpreist. Ehrlich Leute, Die Abenteuer des Robin Hood verdient dieses Schlagwort. Der Autor Micheal Menzel, auch bekannt als großer Spiele-Illustrator, wollte ein Spiel erschaffen, wo Spielfelder, Infotexte oder Symbolsprache nicht sein Spielfeld verschandeln. Entsprechend ist das Spielbrett ein einfach irre großes Bild. Der Clou: Willst du mit der Frau im Dorf sprechen, läufst du mit deiner Figur zu ihr, checkst die dort abgebildete Zahl und liest im Abenteuerbuch den entsprechenden Absatz. Je nach gespielten Kapitel erzählt dir die Frau nun etwas anderes.

Natürlich funktioniert dieses Prinzip nicht nur bei der Frau! Du kannst Büsche, Kisten und andere mögliche interessante Orte untersuchen. Zur richtigen Lösung des Kapitels müsst ihr euch im Team überlegen, wie ihr mit den Orten interagieren wollt. Vielleicht gibt euch die Frau einen Tipp? Oder ihr findet etwas unter einem Stein? Wer untersucht das zerbrochene Wagenrad im Wald?

Die Abenteuer des Robin Hood

Was der wohl zu sagen hat?

Innovative Bewegung

Aufmerksame LeserInnen werden sich nun fragen, wie komme ich denn zur Magd, ganz ohne Felder. Tja, das ist für ein Brettspiel schon innovativ gelöst. Für Tabletop-SpielerInnen eher eine natürliche Sache. Bewegt wird sich über Holzschablonen, die eine gewisse Länge haben. Es geht also nicht um Bewegungsfelder, sondern um die wirkliche Länge. Du hast für deine Bewegung zwei Schablonen zum Laufen und wenn du noch schneller ans Ziel kommen willst, darfst du sogar rennen. Das ist aber mit Nachteilen verbunden! Damit wären wir beim Mechanikzentrum: dem Beutel!

Jetzt aber schnell…

Der magische Beutel

Wenn du rennst, kommt kein weißer Holzwürfel in den Beutel. Schlimmer, es gibt Situationen, da wandern lila Holzwürfel in den Beutel. Ich möchte euch darüber aber nichts weiter verraten. Grönemeyer würde „Was soll das“ krächzen. Wenn ihr allerdings nicht sprintet, was einen starken Verlust der Reichweite bedeutet, spart ihr Kräfte und packt einen weißen Holzwürfel in den Beutel. Kampf- wie Aktionsproben werden über diese Holzwürfel abgewickelt. Jetzt kommen wieder die Kinderfäuste und die Tischplatte ins Spiel. Denn wenn eine Probe verlangt wird, musst du z.B. zwei weiße Würfel bei drei Versuchen ziehen. Da pumpt das Herz vor Aufregung!  

Das ist aber nicht der einzige Einsatz des Beutels. Die Spielerreihenfolge und wann das Spiel selbst aktiviert, wird über das Ziehen von farbigen Holzscheiben abgewickelt. Spätere im Spiel implementierte Ereignisse sind Pappscheiben, die auch alle im Beutel schlummern. Der ist also prall gefüllt, steuert so aber ganz unkompliziert Kämpfe, Proben und Aktivierungen und schüttet dabei immer (!) Spannung aus. Phänomenal, gerade mit Kindern!

Gezogene Scheiben zeigen die Spielerreihenfolge.

Die Adventskalender-Mechanik

Kommen wir zu dem Teil, auf den alle gewartet haben. Nicht nur das Buch sorgt für eine tolle Atmosphäre, sondern auch das einzigartige Konzept der Adventskalender-Mechanik. Sprichst du mit der Frau im Dorf, könnte es sein, dass sie verschwindet. Dafür löst du das Plättchen der Frau aus dem Spielbrett und platzierst es umgedreht wieder im Brett. Nun siehst du nur noch Wiese, weg ist die Frau! Vielleicht erzählt dir die Frau aber von einer geheimen Schatzkiste! Jetzt dürftest du Plättchen X im Spielbrett umdrehen und plötzlich siehst du mitten auf der Wiese eine Schatzkiste. Dieses fiktive Beispiel zeigt dir hoffentlich, wie dynamisch sich das Spielbrett im Laufe der Partien verändert und das eben auch aufgrund deiner Entscheidungen.

Ein echt cooles Buch.

Eine Warnung

Jetzt gehen wir in den Herzinfarkt-Modus für Materialstreichler. Die Plättchen müssen fest im Spielbrett sitzen! Sie sollen nicht einfach herausfallen, das würde euch die Überraschung verderben. Auch muss das Spielbrett im Karton gelagert werden, wo sich eben auch nichts lösen soll. Ergo sitzen die Plättchen echt fest. So fest, dass sie nur mit größter Mühe herausgelöst werden können. Wer etwas zu viel Druck ausübt oder bestimmte Plättchen öfters drehen muss, der erzeugt Abnutzungserscheinungen. Es hilft von unten gegen das Spielbrett zu drücken, vor allem beim ersten Auslösen. Trotzdem, das Spielbrett ist hier ein echter Gebrauchsgegenstand und er wird Abnutzungserscheinungen davon tragen.

Angeranzte Kanten gehören dazu.

Egal!

Diese Problematik ist mir aber herzlich egal! Die erlebten Abenteuer sind Spannung pur und das Zusammenspiel der ungewöhnlichen Mechaniken rechtfertigt jegliche Materialbeschädigung. Es ist weit weniger mechanisch und viel weniger verkopft als das letzte große Abenteuerspiel von KOSMOS (Die Legenden von Andor). Da musste man in späteren Kapiteln ja fast den Taschenrechner rausholen. Die Abenteuer des Robin Hood zelebriert Spannung über gehörigen Zeitdruck und der Weite des Spielbretts. Immer wenn die rote Scheibe gezogen wird, sind nicht die SpielerInnen dran, sondern es vergeht Zeit und damit sinkt die Hoffnung im Land auf Rettung.

Ohne zu viel zu verraten und euch in Regelbeschreibung baden zu lassen, ihr habt gemeinsam eben nur eine gewisse Anzahl an Zügen. Daher begleitet euch immer die Frage, wie ihr euch aufteilt? Welche Adventskalendertüren“ ihr erreichen müsst? Und wie weit ihr mit euren Bewegungsschablonen noch laufen könnt? Denn die Zeit reicht nie, alles zu erkunden. Interaktionspunkte können verschwinden, Wachen euch gefangen nehmen. Also schleicht ihr auf dem Spielbrett eher von Schatten zu Schatten, da seid ihr sicher! Das kostet aber wieder Bewegungsreichweite. Also doch lieber Risiko eingehen? Absprachen, Absprachen, Absprachen!

Im Schatten ist Robin sicher!

Fazit

Die Abenteuer des Robin Hood schenken jeder Familie wundervoll spannungsgeladene Partien, ganz ohne Überforderung. Man wird wunderbar seicht an das Spielerlebnis herangeführt und ehe man sich versieht, ist man in den Sog der Kampagne geraten. Dabei beherrscht es vortrefflich alle Beteiligten an den Tisch zu fesseln, ganz ohne komplizierte Mechaniken. Dafür reicht die innovative Abhandlung der Bewegung und die außergewöhnlichen Adventskalender-Mechanik. Gut, Abnutzungserscheinungen bei den Plättchen lassen sich kaum vermeiden. Dafür erlebt man aber ein einzigartig dynamisches Spielfeld, welches, begleitet von einem sehr starken Hardcoverbuch, eine tolle Geschichte erzählt. Da die Kampagne zweimal erlebt werden kann und weitere Abenteuer folgen, ist auch Langzeitspielspaß gegeben. Der Anspruch ist dabei niedriger als bei den Legenden von Andor, dafür ist es gerade zu viert das viel bessere Familienspiel. Für die Zielgruppe definitiv ein Pflichtkauf und sehr heißer Anwärter auf diverse Brettspielpreise!

Die Abenteuer des Robin Hood

49,99 €
9

AUSSTATTUNG

8.8/10

SPIELIDEE

9.0/10

SPIELSPASS

9.2/10

Kurzfakten

  • Absolut frisches Spielgefühl
  • Tolles Material
  • Spannung durch den Universal-Beutel
  • Sehr gut mit Kindern zu spielen
  • Kein Kennerspielniveau
  • Abnutzungserscheinungen möglich

Spielinformationen

  • Genre: Abenteuerspiel
  • Personen: 2 - 4
  • Alter: ab 10 Jahren
  • Dauer: 60 Minuten
  • Autor/in: Michael Menzel
  • Rezensionsexemplar erhalten
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7 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Denny Crane
    18. März 2021 8:32

    Ist sowas von vorgemerkt…meine Frau liest gerne den Kindern vor und vor allem ich spiele gerne mit den Kindern Brettspiele…da wäre das Spiel eine perfekte Mischung.
    Danke für das Review

    Antworten
    • Dann freut euch auf fetten Spaß! Ich weiß natürlich nicht, wie deine Kinder so abgehen. Bei uns war es so herrlich, weil meine beiden Jungs die Spannung bei einigen Situationen kaum aushalten konnten. Das hat echt Spaß gemacht.

      Antworten
    • AUSSTATTUNG

      0

      SPIELIDEE

      1.5

      SPIELSPASS

      0

      Kann man denn das Spiel schon mit kleinen Kindern spielen? Auf der Schachtel wird es ja ab 10 empfohlen, deshalb habe ich es noch nicht fürs gemeinsame Spiel mit meinem 6jährigen gekauft. Aber könnte das schon funktionieren?

      Antworten
      • Da man das Spiel zusammen spielt, kann man hier früher loslegen. Unser jüngster Sohn ist 6 3/4, allerdings sehr spielerfahren und der konnte das mitspielen. Ich denke, unserem 10-Jährigen hat das Spiel etwas mehr abgeholt, trotzdem hatten wir zu viert wunderbare Partien.

        Antworten
  • Vielen Dank für die Information!

    Antworten
  • AUSSTATTUNG

    10

    SPIELIDEE

    10

    SPIELSPASS

    10

    Ein Super Geniales Spiel ,unverbrauchte Spielmechaniken und mit zunehmenden Fortschritt wird es anspruchsvoller , wir haben heute zu 4 (Erwachsene ) gespielt und jeder war hellauf begeistert.
    Wir haben bis zum 3 Abenteuer gespielt aber mussten das letzte wiederholen weil wir es nicht geschafft haben weil halt doch etwas glück dazugehört das richtig aus dem sack zu ziehen – das schöne daran der Spielverlauf ändert sich ein wenig im 2.ten Durchgang und es gibt auch andere Texte im Buch.
    zu 4. ist es auch etwas Schwieriger da mehr negative Steine in den Sack kommen aber es soll ja auch herausfordernder sein.
    Die Spielzeitangabe mit 60 min. ist etwas untertrieben wir haben ca 90 min. gebraucht Pro Abenteuer.
    Klare Kauf Empfehlung

    Antworten
  • AUSSTATTUNG

    8

    SPIELIDEE

    9.5

    SPIELSPASS

    9

    Ein innovatives, spannendes und leicht verständliches Spiel. Die Spielzeit ist wirklich eher 90 Minuten. Herrlich als Familienspiel, da es alle begeistert.
    Für mich das (Kenner?)Spiel des Jahres.
    Einzig der sonst hochwertig erscheinende Spielplan wölbt sich nach oben, so dass der Marker verrutscht.

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