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Tapestry – Ein Zivilisationsspiel?

Tapestry wird durchaus kontrovers diskutiert. Die Aufmachung, mit seinen omnipräsenten Landmarks, ist nicht jedermanns Fall und spielerisch wenig im Fokus. Böse Zungen schenken dem Spiel das Adjektiv überproduziert. Dazu mehrten sich Stimmen über unausgeglichene Zivilisationen, unlogischem Aufbau bei den zu erforschenden Technologien und eigentlich ist Tapestry überhaupt kein Zivilisationsspiel! Hat sich da ein Optimierungsspiel nur ein Civ-Mäntelchen übergeworfen? Ehrlich gesagt haben mich diese Aussagen verdammt neugierig auf den neusten Streich von Jamey Stegmaier gemacht. Was steckt also unter dem Mantel und wie berechtigt ist die Kritik? Anfängliche Fragen, die sich nach ein paar Partien überhaupt nicht mehr stellten. Was war passiert?

Kurzcheck: Darum geht es in Tapestry

Ordentlich was los auf dem Tisch!

Jeder Spieler übernimmt die Kontrolle über eine Zivilisation mit einzigartigen Sonderregeln, um sie über mehrere Epochen auf unterschiedlichen Pfaden zu entwickeln. Vom Lagerfeuer bis zum Weltraum geht hier die Spannweite, was erstmal bei ausgerufenen zwei Stunden Spielzeit imponiert.

Die Entwicklung wird über vier Pfade (Wissenschaft, Technologie, Erkundung und Militär) abgewickelt. Von der schicken Erkundung und Ausbreitung auf dem Kontinent mit leichter Puzzelmechanik über das Erforschen von Technologien für einmalige Boni bis hin zur klassischen Tableau-Entwicklung für bessere Ressourcenausschüttung, all das lässt jedes Zivilisations-Herz vor Freude höher schlagen. Zumindest in der Theorie! Nebenbei baut man noch durch freigeschaltete Gebäude und schicke Landmarks eine Hauptstadt auf einem Extra-Tableau auf. Wer am Ende alles am geschicktesten zusammenbringt, wird in Siegpunkten baden und das Spiel gewinnen. Was sich nun enorm komplex und umfangreich anhört, ist auf wenigen Seiten Regeln erklärt. Das Spielprinzip ist entsprechend schnell verinnerlicht.

Einfacher Spielablauf

Bist du am Zug, gibt es nur 2 Optionen. Entweder hast du Ressourcen und kannst dir damit einen Schritt auf einer der vier Entwicklungsleisten kaufen und danach entsprechend die Aktion auf dem neuen Feld ausführen oder die führst deine Zivilisation in eine neue Epoche. Hierbei spielt man eine Tapestry-Karte aus, die angelehnt an unsere Geschichte für dein Volk ein Meilenstein darstellt und mit einer Sonderregel das Spiel verändert oder einmalige Boni ausschüttet. Da wären zum Beispiel die Olympischen Spiele, Demokratie oder die Renaissance. Danach verbessert man seine Technologie und erhält je nach Entwicklung auf dem Spielertableau Siegpunkte und Ressourcen. Der Kreislauf beginnt von vorn. Wer geschickter plant, hat oft länger Ressourcen und ruft deswegen später eine neue Epoche aus. Dies geschieht also nicht simultan für alle Spieler am Tisch und entsprechend unterschiedlich viele Runden spielt jeder. Es kann durchaus sein, das ein Spieler Tapestry schon beendet hat und ein anderer noch einige Züge ausführen darf.

Dein Tanzbereich.

Das Mäntelchen

Die Technologien wirken willkürlich.

Als absoluter Fan von Zivilisationsspielen, ob nun als Brett- oder Videospiel, stachen mir in der ersten Partien sofort die Kritikpunkte ins Auge. Wer es klassisch kennt, der wird schnell merken, das Tapestry vieles anders macht. Entsprechend fühlt sich das Thema wirklich nur wie ein Mantel an. Vom Lagerfeuer direkt zu modernen olympischen Spielen? Dann Terraforming anfangen und am Ende vielleicht das Zeitalter der Seefahrt ausrufen? Ist definitiv gewöhnungsbedürftig! Schlimmer noch trifft es die Technologien. Während meine Zivilisation noch in der Epoche des Lagerfeuers ist, fange ich an Penecilin oder vielleicht moderne Kriegsschiffe zu erforschen. Während ich auf der Erkundungsleiste schon im Weltraum kreise, lerne ich gerade Papier herzustellen. Für manchen der blanke Horror, man könnte als nächstes vermuten, das ein asiatisches Mädchen zuckend aus der Brettspielschachtel kriecht.

Ihr könnt euch nun aussuchen, ob dieser Absatz das Problem löst oder nur noch verstärkt. In meinen Spielrunden war es völlig egal, ob da nun Papier oder Kriegsschiffe auf der Karte abgebildet waren. Demokratie entwickelt? Ach so. Egal! Denn die Spieler fokussieren sich hier ganz klar auf die Symbolsprache und die Boni. Schnell tritt das Thema in den Hintergrund. Wenn ich meine Mitspieler fragen würde, welche Errungenschaften sie auf dem Spielertableau denn freigeschaltet haben, wüsste wohl keiner, das auf der Marktleiste, auf dem vierten Feld die Kreditkarte prangt. Jeder aber weiß, das er mit der Marktleiste Siegpunkte durch Technologie-Karten erhält und die Ressource Geld einnimmt. Die Bezeichnungen auf den Feldern der vier Entwicklungsleisten kennt auch keiner. Warum auch? Das Interessante ist nun das Ergebnis dieses Umstands. Thematisch der Todesstoß, aber eben nicht spielerisch.

Die Militär-Leiste im Detail.

Der Kern von Tapestry

Ich würde mich schon als thematischen Spieler betrachten, entsprechend ist das Kopfkino stark ausgeprägt, kurz vor Psycho. Trotzdem stören mich die erwähnten Ecken von Tapestry kein Stück. Denn in mir schlägt ein zweites Herz und das liebt das Spiel mit Ressourcen und vor allem die Optimierung. Und da ist Tapestry King! Was für unglaubliche Symbiosen zwischen den Entwicklungsleisten auf den zweiten Blick entstehen. Einfach eine Leiste aussuchen und bis zum Ende durchlaufen, auf das man als Erster die Landmarks beim Übertreten in eine höhere Stufe freischaltet, führt nicht automatisch zum Sieg. Mehr noch als in Scythe ist die richtige Entwicklung auf dem Spielertableau wichtig. Eine Harmonie mit den Entwicklungsleisten, dem Ausbau seiner Hauptstadt und der Erschließung des Gebiets auf dem Spielbrett muss entstehen, um seinen Fortschritt auch in Siegpunkte umwandeln zu können.

Es gibt irre viele Wege und Möglichkeiten und somit Entscheidungen. Die Kunst ist, immer wieder hier und dort noch eine Ressource zu ergattern und sein Spiel zu optimieren. Vor allem aber kann man nicht alles in einer Partie erreichen und entsprechend hoch ist der Wiederspielreiz. Ich hatte Partien, in denen ich der Eroberer war, zeitgleich in den Weltraum geflogen bin und meine Hauptstadt total vernachlässigt hatte. Beim nächsten Mal war genau der richtige Ausbau meiner Hauptstadt mein Ziel. Da jede Zivilisation zudem einen anderen Fokus hat, wird hier die Abwechslung nochmals erhöht. Durch die Konkurrenz bei den Leisten, der Möglichkeit sich auf einfache Weise um Gebiete zu bekämpfen und manch fieser Tapestry-Karte ist eine angenehme Interaktion vorhanden. Man kann es simpel herunterbrechen, Tapestry macht einfach Spaß!

Es kann bei der Ausbreitung sehr eng zugehen.

Der Zufall

Der Zufall in Tapestry wird großgeschrieben! Fangen wir mit den Zivilisationen an. Viele sind fantastisch, weil sie das Spielgefühl wirklich verändern und entsprechend viel Spaß entfalten. Sie fordern einen, aber die Belohnung kann entsprechend hoch sein. Leider gibt es auch Zivilisationen, die trotz neuer offizieller Anpassungen, eher langweilig gestaltet sind. Schade, denn das kann einem das Spiel schon etwas verhageln. Zweiter Punkt: Welche Zivilisation ich erhalte, ist trotz kleiner Wahl, dem Glück geschuldet. Weiterer Zufall herrscht bei den ausliegenden Technologien und den gezogenen Tapestry-Karten wie Erkundungsplättchen. Je nach Spielsituation kann die Stärke des erhaltenen Spielmaterials enorm schwanken. In Tapestry kann es also besser oder schlechter als geplant laufen. Anderseits ist dieser Zufall auch Teil des Spielspaßes, weil Entscheidungen so immer wieder neu getroffen werden müssen.

Nur einige der vielen Zivilisationen.

Suboptimale Hauptstadt

Ärgerlich ist leider die Gestaltung des Hauptstadt-Tableaus. Da kann es durch die Landmarks schon etwas unübersichtlich werden, vor allem aber ist die nüchterne Gestaltung irgendwie unschön. Ich hätte mir einen schickeren Hintergrund gewünscht, denn wie eine Stadt sieht das nie aus. Keine Grünflächen oder Straßen! Dafür rote Punkte für nicht zu bebauende Felder. Das kenne ich eigentlich besser von Stonemaier Games und passt auch nicht zur restlichen Qualität des Spiels.

Die Landmarks sind nichts weiter als schicke Puzzel-Teile für die Hauptstadt.

Fazit

Die Ecken des Spielbretts mögen abgerundet sein und trotzdem hat Tapestry einige Kanten, an denen sich der klassische Zivilisationsfan stoßen wird. Die Kritik daran, das Tapestry seinen Webstoff nur für einen thematischen Mantel gebraucht, kann ich absolut nachvollziehen, ist am Ende aber irrelevant. Tapestry macht einiges anders und genau darum verdammt viel Spaß! Es ist im Kern weniger Zivilisations- und wesentlich mehr Optimierspiel. Für was gebe ich meine wenigen Ressourcen aus, um damit die größtmöglichen Symbiosen auf den Entwicklungsleisten zu erhalten? Wie reagiere ich auf den vorhandenen Zufall und bediene meine freigeschalteten Siegpunktegeneratoren auf dem Spieltableau effektiv? Das sind die Kernfragen der Spielmechanik. Das man mit gebauten Gebäuden nicht nur bekannterweise auf seinem Tableau Boni freischaltet, sondern noch eine Hauptstadt puzzeln muss, ist, trotz der gestalterischen Schwachpunkte, ein schöner Kniff. Weniger zufrieden bin ich mit den Zivilisationen, die durch die neue Anpassung zwar fairer gestaltet, aber spielerisch nicht unbedingt gleich interessant sind. Details die am Ende wie die meiste Kritik am enormen Spielspaß abperlen, denn der ist in Tapestry allgegenwärtig!

Info: Eine deutsche Version erscheint in diesem Jahr bei Feuerland Spiele.

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Tapestry

99 $
8.5

AUSSTATTUNG

8.9/10

SPIELIDEE

8.0/10

SPIELSPASS

8.5/10

Kurzfakten

  • Tolles Spielmaterial
  • Einfaches Spielprinzip
  • Viele Entscheidungen
  • Für Optimierfans
  • Zivilisationen nicht gleich interessant

Spielinformationen

  • Genre: Strategiespiel
  • Spieler: 1 - 5
  • Alter: ab 12 Jahren
  • Dauer: 60 - 120 Minuten
  • Rezensionsexemplar erhalten

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