Lesezeit: 7 Minuten
Hegemony ist ein extrem asymmetrisches Strategiespiel, in dem der Klassenkampf in einer Nation samt ihrer Politik und Wirtschaft simuliert wird. Klingt trocken? Falsche gedankliche Abzweigung. Es ist das Spiel, wo Even gebreakt wird. Wer ist Even? Keine Ahnung, ich zitiere nur Tischgespräche. Es ist auch das Brettspiel, wo meine Frau plötzlich im Blaumann am Tisch saß und mit Feuereifer uns mit Demonstrationen und Streik drohte. Es ist das Brettspiel, wo ich im feinsten Zwirn neo-kapitalistische Phrasen drosch, die mir eigentlich völlig fremd sind. Sie waren aber im Kontext des Spiels für mich eine logische Konsequenz als Kapitalist. Gesundheit muss man sich eben leisten können, Freunde. Nieder mit dem teuren Wohlfahrtsstaat! Wenn ein Brettspiel die Spielenden verleitet, sich zu verkleiden, wenn aus der Mechanik der verschiedenen Klassen fast eine Art rollenspielerischer Tabletalk entsteht, dann macht ein Spiel verdammt viel richtig. Oder?

Kurzcheck: Darum geht es in Hegemony

Der Staat wankt, er jongliert mit den Interessen anderer und versucht sich seine Legitimation zu erhalten. Die anderen Klassen (Arbeiter, die Mittelklasse, Kapitalisten) kämpfen um die Oberhand. Hegemony führt nicht umsonst den Untertitel Führe deine Klasse zum Sieg. Die Auseinandersetzung, die Hegemony zelebriert, erinnert an die Auseinandersetzungen mit Konfliktlinien aus der der Politikwissenschaft. Es geht eben um die klassischen Fragen von Kapital und Arbeit und wie pluralistische Interessen Spannungslinien aufbauen. Konfliktpotenzial ist vorprogrammiert!

Die Arbeiterklasse sieht ein marodes Sozialsystem, die Kapitalisten verlieren ihre Gewinne, die Mittelschicht wird dazwischen zerquetscht und der Staat steht immer vor der Pleite. Der spielerische Witz, es geht eben auch nicht ohne die anderen. Keine gesunden Arbeiter, keine Einnahmen durch produzierte Güter für die Kapitalisten, dadurch weniger Steuereinnahmen und ein schwächerer Staat. Ein Teufelskreis! Wo setzt man an? Wo arbeitet man zusammen? Wo setzt man seine Interessen knallhart durch? Ein Träumchen von einem Brettspiel in übrigens famoser Aufmachung!

Spielbrett von Hegemony
Bereit für Eskalation?

Die spielerische Seele

Spielerisch ist Hegemony in seiner Grundmechanik schnell verstanden. Feste Rundenanzahl und pro Runde hat jeder 5 Aktionen. Aktion heißt: Eine Handkarte ausspielen und ihren Effekt auslösen oder den Effekt ignorieren und eine Basisaktion der Klasse durchführen. Hat man wirklich nach wenigen Minuten verstanden. Nur beherrscht man damit Hegemony in keiner Weise! Die Asymmetrie ist hoch, jede Klasse hat andere Basisaktionen, eine eigene zu meisternde Engine und für erfolgreiches Spielen müssen die anderen Klassen mit ihren Eigenheiten verstanden werden. Hegemony geht mit seiner Verzahnung Richtung Reference 57260, das wohl komplexeste Uhrwerk unserer Zeit.

Zum großen Teil liegt dies auch an den 7 großen Politikbereichen, die jeweils entgegengesetzt angelegt sind und die Politik für alle am Tisch definieren. Ist die politische Ausrichtung sozialistisch, neo-liberal oder marktwirtschaftlich? All das beeinflusst beispielsweise Gehälter, Kosten für Gesundheit, Bildung, Außenhandel, Zuwanderung oder den Steuersatz und damit die Engines aller Klassen am Tisch massiv. Kein Wunder also, dass man versucht, durch Wahlen und Lobbyarbeit die verschiedenen Bereiche zu beeinflussen. Ein Staatsaufbau abstrahiert auf dem heimischen Tisch. Brutal thematisch, extrem spannend und einfach ein Genuss!

Hegemony
Immer wieder Aushandlung!

Arbeitskampf!

Ich bin die Arbeiterklasse! Ich arbeite in den Unternehmen der Kapitalisten oder im öffentlichen Sektor beim Staat. In den Betrieben der Mittelschicht kann ich zwar auch arbeiten, aber da sind die Löhne niedriger. Bezahlt der verdammte Kapitalist zu wenig Lohn? Ich drohe mit Streik! Klar, ich bekomme dann kein Gehalt, aber der Bonze hat dann auch keine Ware. Vielleicht ziehe ich meine Arbeitskräfte aber auch in den öffentlichen Dienst. Als Druckmittel! Mal sehen ober er die Gehälter anpasst. Ist die Einwanderung hoch, habe ich zwar viele Arbeitskräfte, aber die muss ich ernähren. Das ist teuer! Und je mehr Arbeiter ich habe, je mehr Gesundheit, Bildung und Nahrung muss ich kaufen. Das kann nach hinten losgehen. Kümmere ich mich schlecht, sinkt mein Wohlstand und damit meine Siegpunkte pro Runde. Mehr Arbeitskräfte bedeutet aber auch mehr Druck! Schaffen die anderen Klassen keine Unternehmen, ergo Arbeitsplätze, rufe ich zur Demonstrationen auf und dann verlieren die anderen fette Siegpunkte. Proletarier aller Länder vereinigt euch, wir werden siegen!

Hegemony
Alles für den Arbeitskampf!

Über die Liebe zum Kapital

Vermögen ist mir heilig! Im Außenhandel billig einkaufen und mit fetten Gewinnen gerne an der Steuer vorbei wieder verkaufen. Die Nase in den Wind? Ich rieche nur Geld! Die Preise für den Binnenmarkt passe ich dynamisch an. Die anderen brauchen Gesundheit? Bildung? Luxusgüter? Schön, ich lote den maximal besten Preis aus. Der beste Preis für mich natürlich! Die Steuer muss genuin niedrig sein, sonst schmälert das meine Gewinne und am Ende der Runde wächst mein Kapital zu wenig. Fetter Wachstum, gleich fette Siegpunkte. Gesundheit oder Bildung kostenlos vom Staat? Das können wir uns nicht leisten! Und bitte alle Grenzen öffnen. Ich brauche einen Außenhandel ohne Schranken. Hey, Arbeiterwurst, unterstütze mich mal, dann zahle ich dir auch dicke Gehälter. Also vielleicht …

In Reibach machen steckt kein Team.

Der Stuhl dazwischen

Ich hab es schwer, ich bin die Mittelschicht. Ich sitze zwischen den Stühlen. Als halber Kapitalist will ich auch Waren produzieren und Unternehmen gründen, habe sogar Arbeitskräfte, natürlich auf einem höheren Bildungsniveau als dieser komische Sozialist neben mir. Ich muss mich aber auch um den Wohlstand kümmern und so bin auch ich gierig auf Gesundheit, Bildung und etwas Luxus. Bei den Steuern und Ausrichtungen des Staates bin ich ambivalent aufgestellt. Irgendwie will ich viele Staatsgeschenke, aber selber wenig Steuern und Löhne zahlen. Ich mag zwischen den Stühlen sitzen, dafür bin ich aber auch autarker als die anderen. Meinen Wohlstand verdiene ich mir nämlich selbst!

Hegemony
Die Kapitalisten und die Arbeiterklasse gewinnen zusammen durch mehr Lobbyarbeit die Abstimmung.

Pleitegeier

Ich bin der Staat und damit die Regierung und der öffentliche Sektor. Eigentlich bin ich aber fast immer kurz vor der Pleite und habe Angst vor dem Eingreifen des IWFs. Warum ich pleite bin? Nun, mein Plan ist perfide. Ich mache allen anderen Klassen Geschenke. Steuervorteile? Gesundheit und Bildung verschenken? Subventionen anbieten? Greift zu. Mit vollen Händen! Denn wenn alle auf mich angewiesen sind und meine Geschenke annehmen, dann braucht ihr mich wohl. Tja, ich gewinne über Legitimität und ehe ihr euch versieht, habt ihr drei anderen für eure kleinen Vorteile alle zusammen dafür gesorgt, das ich haushoch gewinne. Verzichten könnt ihr auf staatliche Förderung wohl eben nicht?! Nebenbei muss ich mich allerdings auch um gesellschaftliche Krisen kümmern, wenn ich dann zu wenig Einfluss, Geld und Macht am Tisch besitze, sieht es düster aus.

Hegemony
Ungelernte Arbeitskräfte überschwemmen den Markt. Ich rieche eine Demonstration!

‍Mechanisch top, aber …

… ich spiele Hegemony nicht deswegen. Ich spiele es aufgrund der Dynamik, den daraus resultierenden Tabletalk und dem erlebbaren Konflikt zwischen Politik und Wirtschaft. Die letzten Absätze haben die Rollen hoffentlich klar gemacht. Ebenso klar, das waren nur grobe Zusammenfassungen. Thematisch geht es durchaus tiefer, weil überall kleine mechanische Stellenschrauben die Realität und damit die politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge auf den Brettspieltisch bringen. Wäre so damals das Fach Gesellschaft und Politik in der Schule gewesen, ich hätte es geliebt.

Gerade was die klassenspezifischen Aktionen und deren eigene Decks anbelangt, ist Hegemony ganz großes thematischen Kino. Da haut der Kapitalist plötzlich die Karte Off-Shore-Konten raus und transferiert seine Gewinne an der Steuer vorbei, nachdem alle anderen mit enormer Kraft für höhere Steuersätze gekämpft haben. Die Arbeiterklasse will ihre Arbeitskräfte verschieben? Zack. Bonuszahlungen des Kapitalisten und sie sind eine weitere Runde verpflichtet. Die Arbeiterklasse kann für mehr politischen Einfluss bei Abstimmungen Gewerkschaften gründen, aber eben nur, wenn sie eine kritische Masse an Arbeitskräften in einer der Branchen besitzt. Die Mittelschicht macht Doppelschichten für mehr Wohlstand. Wie wäre es mit der Karte Lohnausgleich? Tja, ob der Staat will oder nicht, jetzt muss er blechen. Ich könnte einen ganzen Artikel über die unfassbar thematischen Kartenaktionen schreiben. Ich aber ziehe da an dieser Stelle lieber den Hut für die Autoren Vangelis Bagiartakis und Varnavas Timotheou.

Kopfkino ohne Ende!

Abwechslung & Glück

Drei kleine kritische Anmerkungen habe ich allerdings, die für mich das Spielerlebnis nicht schmälern, aber angebracht werden müssen. Die Klassen haben ihre feste Ausrichtungen und die Politikbereiche bieten in ihrer möglichen Ausformung je nach Klasse immer eine perfekte Konstellation, auf die man hinarbeiten möchte. Es gibt nicht zig verschiedene Strategien pro Klasse. Hier darf man nicht zu viel Abwechslung erwarten. Eher ist es die Aushandlung, die den langfristigen Spielreiz ausübt.

Andere Partien erlebt man trotzdem, weil es eben vom Zufall abhängt, was für Karten man auf der Hand hat. So kann es sein, dass manche Aktion, die in der letzten Partie noch super war, viel zu spät oder früh auf die Hand kommt. Das hebt die Abwechslung etwas und steht eben auch für die Unabwägbarkeit im politischen und ökonomischen Alltag. Mir gefällt das! Kann aber ein Knackpunkt sein. Die Erweiterung der historischen Ereignisse verstärkt diesen Effekt noch. Jede Runde wird ein zufällig historisches Ereignis je nach Spielepoche gezogen, was verschiedene Klassen unterschiedlich hart trifft. Ich finde aber auch diese Erweiterung super, weil neben erhöhter Abwechslung Hegemony noch thematischer wird. Ich feiere es, die Auswirkungen von der französischen Revolution, den Weltkriegen, dem Baby-Boom oder der Einführung von CO2-Zertifikaten zu erleben.

Letzter Punkt. Ihr habt es sicher schon gemerkt. Hegemony spielt man zu viert oder gar nicht. Vielleicht gerade noch zu dritt, dann wird der Staat simuliert. Aus meiner Sicht braucht es aber vier Personen, die sich über und durch die Klassenmechanik zanken. Alles andere taugt nur zum Erlernen des Spiels.

Expertenspiel: Jede Klasse besitzt zwei doppelseitig bedruckte Spielhilfen.

Fazit

Hegemony basiert in hohem Maße auf die Aushandlung darüber, wie politische und gesellschaftliche Prinzipien wie Sozialdemokratie, Neoliberalismus, Nationalismus und Globalismus ineinandergreifen und wem es am Ende nützt. Ja, Hegemony vereinfacht diese Prinzipien sehr stark, spitzt sie stereotyp sogar zu, zeigt damit aber eben auch sehr eingängig den Klassenkampf. Durch die einfache Grundmechanik, dem schicken Material, unfassbar thematischen Aktionskarten und einem guten spielerischen Grundgerüst kann es auch Menschen begeistern, die sich vielleicht erstmal weniger für den politischen Zirkus interessieren. Nur zu viert solltet ihr sein und neben Spaß an der Aushandlung auch mit dem Zufall umgehen können. Letzteres ist immer vorhanden und wird durch die an sich sehr thematische Erweiterung der historischen Ereignisse noch verstärkt. Für mich als politikinteressierte Person, die mit Kopfkino in jeder Klasse gedanklich ein Vollbad nehmen kann, ist Hegemony ein absolut exzellentes und einzigartiges Brettspiel.

Hegemony

114,99 €
9.4

MATERIAL

9.0/10

SPIELIDEE

9.8/10

SPIELSPASS

9.3/10

Kurzfakten

  • wertiges Material
  • Unfassbar thematisch
  • interaktive Aushandlungen
  • tolle Abstraktion unseres Systems
  • es braucht 4 Personen
  • Zufall ist ein Faktor

Spielinformationen

  • Genre: Strategiespiel
  • Personen: 2 - 4
  • Alter: ab 14 Jahren
  • Dauer: 90 - 180 Minuten
  • Autor: V. Bagiartakis, V. Timotheou
Redakteur | Admin | Gründer von Brett & Pad | Website | + Letzte Artikel

Fleischpöppel | Brettspieler | Videospieler | Rollenspieler | Miniaturenbemaler | Würfel-Lucker | Airbrush-Anfänger | Blogger | Schönspieler | Rum-Trinker | Brettspielsammler | Crowd-Funding-Süchtig | Trockner Grübler | Pöppel-Streichler | Magic-Verweigerer | 4X-Fanboy | Sickerflopp-Liebhaber

32 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Das Spiel würde mich in jeder Minute daran erinnern, in was für einer Scheiss-Welt wir leben – und dass es in der Realität nur von einer Fraktion gewonnen werden kann: weil die nämlich schon gewonnen hat und allen anderen diktiert, wo und wie der Hase zu laufen hat.

    Aber schön geschriebene Rezension, wenn auch etwas blauäugig 😉

    Antworten
    • Moin KK,

      Hegemony ist ein Spiel, sehr abstrahiert, je sogar steroetyp. Es geht nicht um Deutschland, sondern um einen abstrahierten Staat und deren innewohnenden Faktoren. Aus meiner Sicht ist es durchaus spannend am Tisch zu erleben, wie Kräfte wirken, auf spielerischer, rollenspielerischer Art und wie gewissen Dinge sich beeinflussen. Nebenbei macht es spielerisch als Engine-Builder und Area-Control-Spiel Spaß. Ich würde mich in dem Thema auch nicht als blauäugig bezeichnen (ich habe unter anderem Politikwissenschaft studiert und es liegt durchaus in meinem privaten Interessenbereich).

      Hegemony darf man auch nicht in einem zu realistischen Blick betrachten, dafür ist es viel zu eindimensional. So klar diamentral liegen weder politische Kräfte, noch gibt es eine „Klasse“ Staat und auch nur exemplarisch genannt, die „Arbeiterklasse“ ist heute nicht mehr nur nach Marx oder selbst Weber zu definieren. Die Klassen sind in sich ja auch viel pluralistischer und ziehen eben mitunter nicht an einem Strang. Hegemony ist ein Brettspiel. So wenig wie aktuell Mythwind einem lehrt ein Dorf zu managen oder Arche Nova einen Zoo, so wenig ist Hegemony jetzt 1:1 eine Staatssimulation. Trotzdem zeigt es auf seinem möglichen (!) Niveau ein durchaus passend Bild und gibt einem spielerisch das Gefühl in ein spannendendes Thema abzutauchen.

      Es ist für mich auch nicht relevant, wer in unserer Welt gewinnt. Dann dürfte ich auch nicht „Weimar: Der Kampf um die Demokratie“ spielen oder politische Rollenspiele als Methoden anwenden. Für mich ist es ein Eintauchen in abstrahierte Prozesse und das gemeinsame Erleben und Rangeln um Macht in einem thematisch dichten Spiel. Ich kann deine erwähnte „Blauäugigkeit“ leider nicht so ganz einschätzen und gerade weil ich als Mensch politisch sehr interessiert bin, verwundert mich diese Aussage, aber was vielleicht noch hilfreich zur Einordnung ist: Hegemony ist nicht, „wir spielen die Realität nach“. Sondern eher, wir spielen Alternativen in einem abstrahierten System durch und haben Interesse zu sehen, wie durch Aushandlung, andere Machtverteilung und Ereignisse, sich eine enorm abstrahierte (!) Version unserer Gesellschaft entwickeln kann. Ich habe Partien erlebt, da gewann die Arbeiterklasse haushoch, es gewann der Staat, weil sich alle von ihm stützen ließen oder es gab einen Durchmarsch der Kapitalisten mit enormen Gewinnen in einer absolut neo-liberalen Gesellschaft. Als letzter Punkt, du kannst dir gerne das Team hinter dem Spiel anschauen. Ich würde sagen, da sitzt viel theoretischer politischer Sachverstand: https://hegemonygame.com/team/

      Letztendlich kann ich aber jede Person verstehen, die in unserer Zeit gerade keine Lust auf „Politik“ in einem Brettspiel hat.

      Liebe Grüße

      Christian

      Antworten
  • „Ich kann deine erwähnte „Blauäugigkeit“ leider nicht so ganz einschätzen“

    Der Zwinkersmilie sollte eigentlich dabei hilfreich sein.

    Bei mir sind halt solche fettgesetzten Sätze wie „Proletarier aller Länder vereinigt euch, wir werden siegen!“ hängengeblieben, und die Realität ist doch inzwischen eine andere: Die Bonzen der Gewerkschaften sitzen ja mit in den Aufsichtsräte und damit zwischen allen Stühlen, und wenn der wohl letzte wirkliche Interessensvertreter der Arbeiter in Deutschland erst im Ruhestand ist (Weselsky), dann wird es nur noch butterweiche Abschlüsse ohne jeden ernsthaften Arbeitskampf geben, die allenfalls noch den Schein wirklicher Kompromisse im Sinne der Arbeiterschaft wahren (Stichwort: jahrzehntelange „Lohnzurückhaltung“ der Gewerkschaften mit einhergehenden Reallohnverlusten und einem gewachsenen Prekariat).

    Warum holt sich der Staat denn derzeit das dringendst benötigte Geld nicht dort, wo es derart im Überfluss vorhanden ist, dass es auch Generationen von Nachfahren nicht werden sinnvoll ausgeben können? Sondern immer nur dort, wo sowieso schon jeder Cent dreimal umgedreht werden muss? Hier stösst ein Spiel auf real vorhandene Existenzängste vieler Menschen, und da hab ich sogar letzte Nacht schlecht von geträumt (kein Witz).

    Sorry, aber das ist Monopoly auf die heutige Gesamtgesellschaft übertragen und kommt für mich gerade jetzt zur Unzeit. Klar kann man versuchen, den Leuten das alles spielerisch zu vermitteln – aber wie Monopoly wird auch der krtitische Aspekt dieses Spiels völlig untergehen und scheitern, da wette ich drauf. Und der Preis zielt ja auch nicht gerade auf Käufer im Prekariat ab, nicht wahr?

    Hegemony mag zwar thematisch sein, aber mir dann doch zu nah am täglichen Leben.
    Wollte auch nicht so politisch werden, aber wie soll man sonst auf ein solch politisches „Spiel“ reagieren?

    BTW, Secret Hitler ist auch politisch, bricht das aber alles auf ein „Gut-Böse-Schema“ herunter, das auch in anderen Thematiken funktioniert: ich als politisch denkender Mensch kann den Faschismus spielerisch besser verarbeiten als die StarWars- oder HarryPotter-Varianten desselben Spiels, da ich in diesen Thematiken nicht drin stecke und argumentativ weniger an der Hand hätte im Spiel – gleichwohl hätte ich sicher auch an den Varianten ähnlichen Spass.

    P.S. Wenn das im Blog zu weit ins OT gehen sollte, kannst es gern nach dem Satz mit dem Zwinkersmilie-Hinweis kürzen und es dabei belassen.

    Antworten
    • Moin KK,

      ich verstehe die Kritik am Spiel zur aktuellen Lage irgendwie nicht. Das wäre so, als würde ich Arche Nova kritisch sehen, weil der Zoo Hagenbeck in Hamburg seine krasse koloniale Vergangenheit nicht aufbereitet und/oder das Spiel diesen Aspekt nicht anbietet. Vielleicht verstehe ich dich aber auch falsch.

      Zitat: „Bei mir sind halt solche fettgesetzten Sätze wie “Proletarier aller Länder vereinigt euch, wir werden siegen!” hängengeblieben, und die Realität ist doch inzwischen eine andere“

      In Hegemony kannst du eben Weselsky sein und es anders machen. Und dann wirst du merken, was passiert, was andere Kräfte dagegen planen. Für mich ist es a) spielerisch interessant und b) auch aus einem Rollenspiel heraus. Es geht nicht um unsere Realität, sondern um die fiktive in Hegemony und da hat das eben Relevanz. Rollenspiel halt. Wer sich die Zeit um Weimar und die 1920 Jahre anschaut, der hat dann sogar vielleicht einen realen Bezug dazu, weil dort sozialistische Strömungen wesentlich stärker waren inkl. Arbeiteraufständen. Im übrigens, die Epochen von Hegemony reichen bis ins Jahr 1800 zurück.

      Hegemony ist erst einmal gar nichts. Die Absätze zu den Klassen habe ich aus rollenspielerischer Sicht verfasst, um Emotion und Thema rüberzubringen. Was dann im Spiel passiert, ist die Sache der Spielenden. Der Staat kann in Hegemony den Kapitalisten z.B, nicht unterstützen und sich mit der Arbeiterklasse solidarisieren. Es ist ein Spiel um Aushandlung bei gleichzeitigen Interessenkonflikten. Es ist eben kein Spiel wie Monopoly, wo der Kapitalist automatisch über Geld gewinnt. In der letzten Partie war ich als Arbeiterklasse reicher als der völlig untergehende Kapitalist, weil ich mein Geld wunderbar in Bildung und Gesundheit gesteckt habe. Der Kapitalist war völlig von der Rolle, daher kam auch das, der „Even ist gebreakt“. Am Ende musste er für letzte Gewinne sogar seine Unternehmen verkaufen. Kapital = Siegpunkte. Ein drastischer Schritt. Die Folge: Zu wenig Arbeitsplätze. Plötzlich konnte ich auch das als Arbeiterklasse nutzen. Ein Boomerang. Es gab aber auch Partien, wo Arbeiterklasse und ein eher gesunder Kapitalismus teilweise gut zusammenliefen. Das ist doch spannend! Hegemony ist eben keine Abbildung unserer aktuellen Realität, sondern eine theoretischer und spielerischer Experimentierkasten.

      Und zu deinem letzten Punkt, im Prinzip ist das, was du bei Secret Hitler gut findest, also das heruntergebrochene Schwarz-Weiß-Schema, eben auch in Hegemony vorhanden. Das ist wenn überhaupt dann ein Kritikpunkt, weil es für Vereinfachung sorgt, wenn man gleichzeitig einfordert, dass so ein Spiel zu oberflächlich ist. Hegemony ist nicht das alltägliche Leben. Es ist eine abstrahiert Spielwiese. Arche Nova ist auch kein Zoo.

      Hegemony ist am Ende ein Spielplatz. Ein weißes Blatt Papier. Ein spannendes Experiment. Und ein mechanisch gutes Spiel.

      Letztendlich verstehe ich die „Blauäugigkeit“ noch immer nicht, weil ich a) das Spiel nicht für naiv halte und b) ich mich selbst im Bereich auch nicht. Macht aber auch nichts. Was ich verstehe, ist eben, dass dir die aktuelle Lage, gesamtgesellschaftlich wie auch persönlich, nicht dazu taugt politische Szenarien nachzuspielen. Das kann ich nachvollziehen. Es sind gerade politisch extrem üble Zeiten. Und aus dem was du schreibst, vermute ich sogar, dass uns die gleichen Sorgen und Nöte betreffen und wir politisch nicht weit auseinanderliegen. Ich kann dich da voll verstehen. Wie gesagt, ich sehe das aber nicht als Kritikpunkt am Spiel. Was du natürlich tun kannst 🙂

      Weimar: Der Kampf um die Demokratie z.B. ist auch harter Tobak. Selbst einmal, wenn auch hier wieder nur extrem stark abstrahiert, an den Hebeln der Politik zu sitzen und zu merken, wie dir als SPD langsam alles entgleitet, ist einfach spannend bisweilen gruselig.

      Und kürzen will ich deinen Kommentar nicht. Ich würde nur gerne eine Sache wollen, beim Spiel bleiben.

      Liebe Grüße

      Christian

      Antworten
  • „Ich würde nur gerne eine Sache wollen, beim Spiel bleiben.“

    Siehst Du, dass ist es, was ich unterschwellig meinte mit „Blauäugigkeit“:
    Bei dem Thema, von dem gerade aktuell sehr viele negativ betroffen sind, kann ICH eben nicht beim Spiel bleiben (und es ist auch nicht wie SH einfach auf andere Themen 1:1 übertragbar).

    Deshalb bin ich jetzt hier raus und Ihr könnt zum Spiel zurück.

    Antworten
    • Wie gesagt, ich kann verstehen, dass man aufgrund persönlicher Umstände absolut kein Bock auf ein Thema hat und das Thema auch zu ernst findet, um da in rollenspielerischer Sicht ranzugehen. Trotzdem finde ich es schade, wenn man deshalb anderen etwas unterstellt. Du hast, mit Smiley oder nicht, der Rezension bzw. mir Blauäugigkeit vorgeworfen und bestätigt das ja eben gerade wieder und das bei einem Thema, was mir sehr am Herzen liegt und mir gerade in den letzten Jahren auch extrem viel Zeit gekostet hat. Das finde ich persönlich einfach wirklich schade. Ich habe mir hier jetzt viel Mühe gegeben, mit Verständnis für dich und Erklärungen meinerseits die Lage des Spiels und mich zu erklären. Mehr kann ich am Ende nicht anbieten.

      Vielleicht mal ein anderes Beispiel. Pret-a-Porter z.B. werde ich niemals spielen, weil ich aus persönlichen Gründen das Thema und den Zirkus drum herum extrem ablehne. Fast-Fashion, Beauty-Wahn, Ausbeutung, Sexismus usw. und dann feiert man sich da als perfekter und erfolgreicher Modezar. Absolut nicht meins. Das Spiel ist aber äußerst beliebt. Müsste eine Rezension aus meiner Sicht das kritische Thema aufgreifen? Ja. Der Unterschied bei Hegemony, dieses bietet eben genau die verschiedenen Ansichten und Aushandlungen. Würde es bei Pret-a-Porter mehrere Fraktionen geben, die die Realität abstrahiert abdecken und eine Aushandlung über das „richtige“ Modegeschäft stattfinden, dann ist die thematische Ausarbeitung ganz anders gelagert. Dann würde ich zum Beispiel Pret-a-Porter spielen wollen.

      Antworten
  • Gordon Shumway
    8. Februar 2024 16:17

    Moin zusammen,

    grundsätzlich finde ich die Diskussion ja spannend. Ich denke, jeder muss für sich selber entscheiden, mit welchen Themen er sich wohlfühlt und diese spielen möchte. So nehme ich wahr, dass Du, KK, das Spiel „zu nah am täglichen Leben“ empfindest und Dich damit nicht wohlfühlst. Finde ich völlig ok. Jeder hat da so seinen eigenen Wohlfühlbereich. Andere Spiele wie Secret Hitler, Axis & Allies, This War of Mine oder Mombasa sind auch nicht jedermanns Sache. Auch diese Spiele können (wie alle anderen Spiele auch) die „Realität“ nur in gewisser Weise abbilden und simplifizieren. Ist das schlimm? Ich finde nicht. Möchte ich deshalb auf diese Themen verzichten? Nein. Mir „helfen“ diese Themen auch, dass ich mich in die „Rolle“ (egal welche) besser hineinversetzen kann. Denn genau wie Du sagst, könnte ich persönlich mit einem Hegemony in einem Harry-Potter-Universum absolut gar nichts anfangen. Einfach weil ich keines der Bücher gelesen, geschweige denn einen Film gesehen habe.

    Jetzt noch meine Meinung zu der Rezension: Ich finde nicht, dass diese zu „blauäugig“ geschrieben ist. Das Hineinversetzen in die vier verschiedenen Rollen und das bewusste Zuspitzen gefällt mir als Stilmittel gerade gut. Wenn jemand nur schreiben würde, dass es vier asymmetrische Rollen in dem Spiel gibt, kommen da halt keine Emotionen durch. So aber schon. Und das gefällt mir.

    Liebe Grüße
    Euer Gordon

    PS: Ich bin ja ebenfalls der Meinung, dass zu viel Kapital bei zu wenigen gebündelt ist, die gerade in Deutschland sehr häufig allein durch den Zufall der „richtigen“ Geburt in diese Lage gekommen sind. Wenn daher diese Gruppe einen Teil von ihrem Vermögen abgeben würde und das in Bildung oder kostenlosen Kindergarten oder kostenloses Schulessen gesteckt wird, dann würde das für die Gesellschaft schon eine Menge bringen. Das können wir gerne woanders mal besprechen. 🙂

    Antworten
    • Zum PS:
      Dass das nicht passiert und sich der Staat via Politik das sich nicht einfach bei denen holt, zeigt ja deutlich, dass die den Staat/Politik schon im Sack haben. Und genau das bildet das Spiel nicht ab, was ich in meinem allerersten Kommentar ja schon etwas anders formuliert hatte.

      Antworten
      • Warum muss das Spiel das Abbilden? Und gefühlt bei dir nur das abbilden … (Echt ernstgemeinte Frage)

        Und das ist genau der Punkt, wo ich trenne zwischen eigener Meinung zum politischen Diskurs und einem Spiel, was eine ganz andere Intention hat. Das Spiel heißt nicht: „Kapitalismus: Wir haben den Staat im Sack“ und dann spielt man kooperativ gegen solche eine Politik und am Ende verliert man automatisch.

        Stell dir doch bitte einfach mal vor, du würdest mit den vier Klassen auf einer Insel einen neuen Staat gründen und dann aushandeln, wie das funktionieren kann. DAS ist das Spiel.

        Es gibt so viele politische Theorie, so viele normative Ansätze, so viele coole Sachen, das sind Gedankenspiele. Vieles davon habe ich nur im Studium angekratzt, aber seit Jahrhunderten zerbrechen sich Menschen über Systeme die Köpfe. Soll das jetzt alles in die Tonne gekloppt werden, weil wir gerade in unseren Epoche einen Tubro-Kapitalismus haben? Sorry, aber ich checks nicht.

        Und falls der Staat im Spiel nicht gegensteuert, gewisse Ereignisse ignoriert, die Mittelschicht sich auch eher Richtung „Kapitalist“ entwickelt (bei Abstimmungen), der Kapitalist wunderbare Lobbyarbeit leistet, dann kannst du genau dein gewünschtes Szenario erleben. Warum das aber immer so sein muss, entzieht sich mir, weil es die Idee hinter dem Spiel zerstören würde.

        In Weimar kann ich auch als SPD mit der KPD das Ding nach Hause schaukeln ohne NSDAP und damit die NS-Zeit verhindern. Ich kann bei „Wir sind das Volk“ auf Seiten der DDR auch den Bau der Mauer sein lassen (und mit den Konsequenzen der Flucht von Bürger:innen leben) und ich kann bei Hochverrat! die historische Verurteilung verhindern.

        Das ist der Reiz von solchen Spielen.

        In Sprit Island müssten eigentlich auch alle Geister stets verlieren und The Thing hätte auch seinen festen Ausgang. Es gibt ja ne Filmvorlage.

        Antworten
        • „Warum muss das Spiel das Abbilden?“

          Weil ich beim Lesen der Rezension den Eindruck nicht los wurde, dass es eher eine spielerische Simulation denn ein Spiel sein will, gerade auch wegen solcher Halbsätze:

          „…weil überall kleine mechanische Stellenschrauben die Realität und damit die politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge auf den Brettspieltisch bringen.“

          Oder im Fazit: „…zeigt damit aber eben auch sehr eingängig den Klassenkampf.“

          Und das im durchaus von mir ja sonst sehr geschätzten launigen Ton, daher auch meine nächtliche Wortwahl „Blauäugigkeit“. Denn beim „Klassenkampf“ ist es ja so, dass eben nicht alle im Kampf über gleichwertige Waffen verfügen, was aber in einem – fairen – Spiel Grundvoraussetzung ist, damit keiner sofort die Lust dran verliert.

          Antworten
          • Moin Moin KK,

            Das ist jetzt wirklich der letzte Kommentar in Bezug zu dem Thema. Vielleicht. 😀

            Das was du jetzt beschreibst, ist das was ich dir in vielen Kommentaren aber immer wieder erklärt habe. Es ist eine eingedampfte Simulation, wie sich ein Staat in der Theorie entwickeln kann. Ein Gedankenspiel. Es ist zudem ein internationales Spiel, da nur auf unsere Politik zu schauen und auf unsere aktuelle Zeit (ich erwähne nicht umsonst die französische Revolution in der Rezension), ist auch nicht richtig! Das wäre sogar ziemlich eurozentristisch.

            Das Spiel besitzt eben reale Bezüge durch Aktionen und Karten. Wie stark und einflussreich diese Dinge sind, hängt aber eben von den Strukturen ab.

            Es ist ein Brettspiel, es ist ein neuer Staat und ALLE haben die gleichen Chancen. Jede Klasse hat ihre thematischen Aktionen, aber je nachdem wie gut man sie ausspielt, wie man mit anderen verhandelt und wie die Politikbereiche eingestellt sind, entwickelt es sich anders (Rezension Absatz: spielerische Seele)). Und das ist realistisch und hat eben passende Aktionen. Wenn die Personen im Spiel es für gut halten, den Steuersatz hoch zu halten, der Kapitalist viel bezahlen muss, dann gibt es einen Wohlfahrtsstaat. So muss es aber nicht laufen. Im Laufe der Geschichte und auch noch heute sind Staaten unterschiedlich aufgebaut (Hallo wir hatten eine DDR! Es gab die französische Revolution, die Sowjetunion, die 68er usw.). So ist es auch hier jede Partie. Die Personen am Tisch entscheiden den Kampf um die Herrschaft mit ihren Klassen immer wieder neu und das über Epochen. Das habe ich wie immer mit Leidenschaft hier in den Kommentaren erklärt und auch in der Rezension. Ich habe auch in der Rezension auf die Abstraktion hingewiesen, mehrmals die Aushandlung erwähnt! Es ist eben ein Unterschied, ob sich die Personen am Tisch entscheiden, ob sie Einwanderung zulassen und wie viel oder nicht. Es ist eben entscheidend, ob der Mindestlohn hoch ist oder niedrig. Es ist völlig (!!!) uninteressant, wie das bei uns aktuell aussieht. Auch wir haben die „Aktion“ Mindestlohn in unserem Staat und der wurde festgelegt. Das wurde vorher verhandelt. Aus meiner Sicht ist der zu niedrig.

            In Hegemony gibt es z.B. den Mindestlohn ebenfalls und DORT kann ich ihn eben versuchen zu erhöhen. Der kann richtig durch die Decke gehen. Das tut dem Kapitalisten aber ganz schön weh, definitiv am meisten. Dem Staat z.T. auch, weil er auch Gehälter im öffentlichen Sektor bezahlen muss. Das ist also realistisch im Spiel abgebildet. Wenn ich aber vorher mit meiner Arbeiterklasse gut gespielt habe, Lobbyarbeit betrieben habe, kann dieses Szenario trotzdem eintreffen und funktionieren. Das ist spannend! Das macht Spaß! Die Klassen haben nach politikwissenschaftlichen Maßstäben ihre Agenda, genauso wie Fraktionen in Root, Tsukuyumi und andere Spiele mit hoher Asymmetrie. Dazu gibt es auch aus der Politikwissenschaft entliehen verschiedene wichtige Staatsbereiche, um die sich die Klassen streiten. Je nachdem wie sich gestritten wird, kann ein Staat dann anders aussehen. Bolivien ist anders als Deutschland ist anders als Kuba ist anders als Argentinien oder Polen. Und wie ich auch schon geschrieben habe, die Strömungen in Weimar, in einer tlw. extrem linken Zeit, zumindest punktuell in Deutschland, auch hier hätte der Staat andere Wege einschlagen können.

            Servivelink:
            https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/innenpolitik/deutscher-oktober-1923.html
            https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/revolution-191819/januaraufstand-1919.html

            Wäre es nicht interessant zu sehen, wie Deutschland ausgesehen hätte, wenn diese Aktionen erfolgreich gewesen wären? (Das bildet das Spiel nicht ab, ist aber von der Fragestellung eben der gleiche Ansatz, der in Hegemony drin steckt). Ist es nicht interessant zu überlegen, wie der perfekte Staat aussehen würde? Sehen die anderen das ebenso? Was wollen sie anders und warum? Willkommen bei Hegemony.

            Nach wie vor finde ich die persönliche Kritik an mir nicht schön. Das ist mir am Ende aber eigentlich egal, viel wichtiger ist mir, dass verstanden wird, worum es in diesem tollen Spiel geht. Es ist nämlich fantastisch und eines meiner Lieblingsspiele. Ansonsten hätte ich mir hier auch nicht die Mühe gemacht. Mehr erklären kann ich jetzt aber auch nicht. Und ich hoffe, das wird wenigstens wertgeschätzt.

            Liebe Grüße

            Christian

      • Gordon Shumway
        8. Februar 2024 21:15

        @KK: Wer ist denn „der Staat“? DU bist auch „der Staat“, jedenfalls ein Teil davon. DU hast bei uns in Deutschland glücklicherweise die Möglichkeit SELBER in die Politik zu gehen und kannst etwas daran ändern, wenn es Dir wichtig ist.

        Antworten
        • In die Politik zu gehen habe ich mir verkniffen, weil es ein Kampf gegen Windmühlen wäre, wenn man nicht zum Opportunisten (gemacht) wird; schau Dir doch allein mal Kevin Kühnert als aktuelles Beispiel an, oder Ralf Stegner, der früher auch mal ganz anders dahergeredet hat. Hatte auf kommunaler Ebene selbst einen in der Familie, der aber lieber hingeschmissen hat als mit den Wölfen zu heulen.

          Antworten
          • Politik fängt auf der kommunalen Ebene an. Und ich würde sogar sagen, dass dies das größte Problem unserer Zeit ist, weil diese Ebene oft vergessen wird, dort aber die Menschen leben. Ich kann aber auch aus eigener Erfahrung sagen, dass man mit Einsatz und Wille durchaus kommunal sich gegen Riesen stellen und gewinnen kann. Es ist nicht einfach, es gelingt nicht immer, aber es nicht zu versuchen, ist der 100% frustrierendere Weg, weil dann eben nur noch der Frust und die Ohnmacht bleibt. Es ist aus meiner Sicht absolut wichtig, dass sich Menschen auf kommunaler Ebene einsetzen und etwas bewirken wollen. Daraus kann dann auch mehr entstehen! Das hat auch was mit Empowerment und Partizipation zu tun. Selbst wenn nicht alles gelingt, ist da am Ende ein „Wir-Gefühl“. In der Sozialarbeit z.B. ist das aus meiner Sicht enorm wichtig. Größtes Problem ist hierbei als Kapital die Zeit. Wer eh schon zwischen Familie, Job (tlw. mehreren) und Gesundheit aufgerieben ist, der hat keine Power mehr sich wirklich einzusetzen.

        • Ohne jetzt in die spielmechanische Diskussion einsteigen zu wollen, ich habe das Spiel noch nicht selbst probiert: großer Respekt für dich Christian, dass du in den Kommentaren so differenziert und ausführlich Stellung beziehst. Und auch Respekt dafür, dass du und ihr hierbei stets sachlich bleibt und die teils persönliche Kritik nicht als Anlass nehmt, selbst auf diese Ebene des Unterstellens und Vermutens zu gehen.

          Die Diskussion und Erläuterungen im Kommentarbereich haben mein Interesse am Titel zudem neu geweckt, mehr als es die Rezension selbst getan hat.

          Ich hatte das Spiel, gerade wegen seiner sehr theoretischen Anlage, eigentlich schon abgeschrieben, nachdem ich bei der ursprünglichen Ankündigung noch begeistert war (ich habe auch Politikwissenschaften studiert und unterrichte das Ganze auch – dementsprechend bin ich bei solchen Titeln immer hellhörig).

          Und hier sehe ich auch immer wieder den großen Vorteil schriftlicher Rezensionen und eines lebendigen Kommentarbereichs. Die Youtuber sind wesentlich schneller und können mehr abdecken, aber in der Regel bleibt es doch an der Oberfläche und der Austausch fehlt (selbst kritische Kanäle wie „No Pun Included“ können Letzteres nicht bieten, sondern geben – quasi „unilateral“ – nur ihre Meinung wieder; die manchmal auch zum Polemischen neigt, trotz interessanter Ansätze).

          Danke für eure Arbeit und die Zeit, die ihr euch nehmt, um diese auch nachzubereiten und auf Fragen, Kritik etc. zu reagieren.

          Antworten
          • Hallo Tobias,

            vielen Dank für die netten Worte. was wichtig ist, es ist ein Brettspiel und kein politikwissenschaftliches Experiment. Es ist stereotyp und stark abstrahiert! Das habe ich ja auch im Fazit erwähnt und in einigen Kommentaren. Es gibt eben eigentlich nicht z.B. den Kapitalist.

            Aber was dem Spiel gelingt, ist ein Gefühl für den „Zirkus“ zu bekommen und dabei macht es spielerisch auch noch Spaß und sieht gut aus. Ich habe es mit Personen gespielt, die hatten kaum Interesse daran. Politik? Geh weg! Am Ende saß man verkleidet am Tisch, Leute haben nachgeschlagen, was der IWF eigentlich macht oder sich über Mindestlöhne so gestritten, als hätten man da Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände am Tisch bei einer öffentlichen Talkshow sitzen. Das dieses Spiel genau das gelingt (Kopfkino und Tabletalk-Freude muss dazu natürlich passen), finde ich halt beachtlich. Ich empfehle dazu das Addon mit den historischen Ereignissen, weil dann Zeiträume und historische Ereignisse noch einen besseren Drive bringen, auch wenn das zu Lasten einer gewissen Balance gehen kann.

            Liebe Grüße

            Christian

  • Interessante Diskussion. Ich bin da ganz bei Christian, sehr gut dargelegt, warum sich Hegemony lohnt, unabhängig des aktuellen politischen Diskurses.

    Ich habe es schon länger hier rumliegen, weiß aber schon, dass ich niemals 4 Leute dafür an einen Tisch kriegen werde. Daher bin ich sehr auf den solomodus gespannt. Ich hatte gehört, dass basic zu random wäre und advanced zu convoluted. Also wohl beides nicht optimal. Werde es aber mal ausprobieren und selber schauen.

    Btw, habe star trek away Missions rezent gespielt und fand es wirklich gut. Spaltet gerade auch extrem. Aber ich fürchte, wenn man da mit falschen Erwartungen reingeht, kann man nur enttäuscht werden.

    Antworten
  • Dass es ein Battle Skirmisher ist. Es kann Partien geben, wo man kaum miteinander in Berührung kommt, z. B. Romulaner vs. Borg. Es geht in erster Linie darum Missionen zu erfüllen. Manche Fraktionen wie die Klingonen erfüllen durch Kämpfe ihre Missionen, bei den borg z.b. Gibt es kaum Anreize Gegner auszuschalten. Blockieren maybe, killen eher weniger.

    Außerdem spielen viele die Starterbox und meinen die Borg wären viel schlechter als die federation. Ich habe auch voll aufs maul bekommen beim ersten Spiel, das liegt aber vor allem daran, dass ich keine Ahnung hatte, wie die zu spielen sind. Die sind halt wesentlich nuancierter in ihrer Spielweise und man muss sich da ausprobieren, um die gut zu spielen.

    Antworten
  • So Freunde der Nacht!
    Jetzt möchte ich mich auch in diese Diskussion einklinken.
    Ich bin ein unpolitischer Mensch. Ich bin zwar Mitglied einer Partei, aber mich hat das Alles nie interessiert. Weder Geschichte, noch Politik. In der Corona-Zeit habe ich mich von den Nachrichten- und politischen Talkshows abgewendet. Warum? Ich war es einfach leid, eine vorgefertigte Meinung präsentiert zu bekommen & gelenkt und manipuliert zu werden. Mein Leben besteht aus den kleinen Freuden. Und den Großen. Ich freue mich jeden morgen auf meinen Kaffee. Ich freu mich, Menschen in meinem Umfeld zu helfen, im Verein aktiv zu sein und und und.
    Bin ich ungebildet? Nein, ich informiere mich nur anders. Ist mir Bildung wichtig? Jein, denn ich kenne da aufgrund meines Berufs sehr viele Nuancen und Grautöne und auch tolle Menschen. Ich werde allerdings nie ein politischer Mensch, weil mich das nicht die Bohne interessiert.

    Warum diese lange Einleitung?
    Hegemony hat mich begeistert und das ist aus den genannten Gründen eine Leistung. Das Spiel und die Mechanik machen unfassbar viel Spaß, dazu die Steuerung der unterschiedlichen Fraktionen, ihr System und die Wechselwirkung zu anderen auszuloten und die greifbare Spannung haben mich total gepackt.

    Habe ich es 1:1 übertragen? Nein, natürlich nicht, denn es ist ein Spiel. ABER: Ich trage es mit Begeisterung in die Schule, weil SuS hier auch etwas erkennen. Nämlich wie ein Spiel gewisse Grundzüge der Gesellschaft übernehmen und abbilden kann. Und das auf eine unfassbar kurzweilige Art und Weise.

    Als ich den ersten Kommentar las und das Adjektiv „Blauäugig“ entdeckte, wusste ich, dass wir auf eine spannende Diskussion oder Austausch zusteuern. Etwas, das Christian & ich uns häufig wünschen und wir auch praktizieren. Deep Talk über Spiele. Wir sprechen häufig darüber, wie ein Spiel taktisch angegangen werden kann. Welche Strategien verfolgt werden können. Was klappt und was nicht.

    Bei Hegemony kommen hier zwei Ebenen zusammen. Einmal das Spiel als solches mit seinen Mechaniken und seinem Setting, einmal die Realität unsers Alltags und der gelebten Gesellschaft. Hier ist deutlich geworden, dass das Hegemony nicht kopiert und 1:1 realistisch simuliert, sondern nur gewisse Abhängigkeiten widerspiegelt und daraus ein Spiel baut. Ein Spiel was sich für mich unfassbar gut und schlüssig anfühlt. Und daher einzigartig ist.

    Natürlich nehmen wir uns die Zeit mit euch in den Diskurs zu gehen. Und natürlich versuchen wir, persönliche Wertungen nicht an uns herankommen zu lassen. Man sieht gerade in den Ausführungen von Christian, welch hoher Sachverstand und Differenzierung hinter seiner Rezension steckt. Ich fand seinen journalistischen Kniff, innerhalb der Rezension die Perspektiven zu wechseln genial.
    Ich bin froh, dass ich diesen Test aus meinen o.g. Gründen nicht schreiben musste. Wir fehlt das Know How.
    Danke, dass wir mit euch auf diesem Niveau solche Spiele besprechen und Themen diskutieren können. Und das meine ich Ernst. Ich finde die Perspektive von KK wichtig und gut, denn sie hilft uns zu differenzieren und zu erläutern. Etwas, was ohne eure Meinung nicht Möglich wäre. Und dadurch gewinnt jede Rezension und ihr könnt das Spiel noch besser einordnen.

    Liebe Grüße

    Antworten
  • Ich muss mal was klarstellen, fürchte ich:

    Tobias schrieb oben
    „…und die teils persönliche Kritik nicht als Anlass nehmt, selbst auf diese Ebene des Unterstellens und Vermutens zu gehen.“

    Und Markus direkt über mir:
    „Als ich den ersten Kommentar las und das Adjektiv „Blauäugig“ entdeckte…“

    Was mich vermuten lässt, dass hier viele über dieses eine Wort stolpern und zB Tobias mir das als persönlichen Angriff unterstellt, wo es mir aber nur um die Sache ging.
    Wie Ihr sehen könnt, hatte ich meinen Kommentar nachts geschrieben, vielleicht wäre mir tagsüber ein anderes Wort eingefallen odfer ich hätte es weiter ausgeführt. Die Rezension, die ich ja ausdrücklich als „schön geschrieben“ bezeichnet hatte, wies mehrfach auf den realistischen Bezug des Spiels hin, wobei mir dann aber der Aspekt, dass die Realität eben sehr viel komplexer ist, als es ein solches Spiel vermitteln kann, zu kurz kam (wurde nur im Fazit mal kurz angedeutet). Auch, dass die Asymmetrie im Spiel (aus Prinzip) immer noch ausgewogen sein muss, was sie in der Realität aber nicht ansatzweise ist, ging unter. Was wahrscheinlich an der ja sehr anschaulich vermittelten Begeisterung des Rezensenten gelegen haben mag.

    Nichts anders wollte ich in der Nacht mittels einem kurz gehaltenen Statement unter dem Begriff „blauäugig“ subsummiert wissen, und schon gar nicht sollte es ein persönlicher Affront gegen den Rezensenten sein, dessen Wirken ich hier sehr schätze.

    Antworten
  • Da Ich direkt genannt wurde, nehme ich gerne Stellung dazu: „blauäugig“ in dieser Verwendung wirkte auf mich nicht differenziert, auch in den Folgeposts nicht. Aber dann ist das jetzt ja eingeordnet.

    Zu dem Realitätsbezug des Spiels: so wie ich die Rezension gelesen und verstanden habe, zielt das Spiel gar nicht darauf ab, den aktuellen Status quo zu illustrieren. Es ist ein Spiel der möglichen Szenarien. Es gab Phasen, da waren die Gewerkschaften sehr mächtig, dann kamen Thatcher et al. Es gab Phasen des starken Staats, dann hat man begonnen zu privatisieren. Hegemony scheint sich dafür entschieden zu haben, keine Phase der Geschichte konkret abzubilden, sondern politische Systeme in abstrahierter und vereinfachter Form zu simulieren und aus dem so entstehenden Wechselspiel gesellschaftliche Zustände entstehen zu lassen, je nach Spielverlauf und Verhalten der Akteure.

    Entsprechend wäre dann eher Weimar etwas für dich, weil klar historisch verortet. Wobei dann daran die Kritik wäre, dass es ahistorisch enden kann.

    Insofern, zurück zu Spiel und Rezension: die Kritik würde ich dann verstehen, wenn das Spiel explizit die aktuelle Situation darzustellen behaupten würde. Oder es ein dezidiertes Lehrspiel wäre. Aber das tut es offensichtlich nicht, also geht die Kritik meines Erachtens schon im Ansatz fehl, weil die Grundlage nicht gegeben ist. Ich habe in keiner Zeile der Rezension gelesen, dass Christian gesagt hat, dass es eine gelungene Repräsentanz aktueller sozialer/politischer Verhältnisse sei. Insofern sehe ich die Blauäugigkeit dann auch nicht auf der anderen Ebene. Sonst müsste man über eigentlich jedes Spiel diskutieren, dass irgendwelche Realitätsbezuege hat, sei es Wargame oder Eisenbahn-Euro. Reduktion findet immer zwangsweise statt. Und ich traue den Spieler:innen dieser Titel zu, dass sie das auch einzuordnen wissen.

    Antworten
    • „Insofern, zurück zu Spiel und Rezension: die Kritik würde ich dann verstehen, wenn das Spiel explizit die aktuelle Situation darzustellen behaupten würde.“

      Das Spiel kann ich gar nicht kritisieren, weil ich es nie gespielt habe (was auch in meinem ersten Post durch den Konjunktiv im ersten Halbsatz deutlich geworden sein müsste). Meine Kritik bezog sich ausschliesslich auf die Rezension, die bei mir eben zu sehr den Eindruck hinterlassen hatte, es würde genau das, nämlich die Realität zwar vereinfacht, aber ansatzweise abbilden.
      Und m.E. eben zu wenig auf den Aspekt eingegangen ist, dass in einem Spiel ja alle Teilnehmer auch bei asymmetrischen Fähigkeiten zumindest ein Stärke-Gleichgewicht haben müssen (wer würde die schwächeren Rollen sonst spielen wollen?), was aber in der Realität eben absolut nicht der Fall ist – und insofern die Realität in einem m.E. sehr wesentlichen Aspekt dann doch ausklammert.

      Gewerkschaften zB können noch so stark sein, sie werden das Kapital immer nur bis zu einem Punkt bringen können, den das Kapital noch zuzulassen bereit ist – aber nie in die Knie zwingen können, denn letzteres würde die Arbeiterschaft notfalls mit in den Abgrund reissen oder am ausgestreckten Arm verhungern lassen, während seine menschlichen Repräsentanten ihre Schäfchen längst im Trockenen haben.

      Und wie ich schon ganz zu Anfang sagte: Für mich ist Spielen eher die Abkehr vom Alltag, und genau das liefert das Spiel – besonders gerade derzeit – eben nicht.
      Man denke an die Corona-Zeit zurück und die mangelnde Bereitschaft vieler, ausgerechnet in der Zeit Pandemie zu spielen…

      Antworten
      • Ich habe das Spiel – wie zuvor erwähnt – auch noch nicht gespielt. Mir ging es darum, die Grenzen des Mediums zu thematisieren. Man kann m.E. von einem Spiel garnicht erwarten, dass es die Realität akkurat abbildet. Und, das gehörte für mich dazu: deshalb kann ich eben auch die Kritik an der Renzension nicht nachvollziehen. Dann müsste man, wie ich schon zuvor ausführte, diese Kritik über jedes Spiel ergießen, dass Prozesse der realen Welt simplifiziert wiedergibt.

        Dass „Hegemony“ für dich keine geeignete Form des Eskapismus ist, verstehe ich indes vollkommen. Ich spiele persönlich i.d.R. auch keine Titel, die im Zweiten Weltkrieg angesiedelt sind und Deutschland eine spielbare Fraktion darstellt. Das ist aber eine andere Ebene, auf die aber schon Christian eingegangen ist, weswegen ich das nicht weiter ausführe.

        Deine historisch-soziologische Analyse zum „Kapital“ teile ich in dieser Verkürzung nicht, aber das ist auch nicht das passende Forum dafür, Feinheiten in diesem Bereich auszutarieren. Positiv ist ja, wie das auch Denny Crane weiter unten darlegte, dass der Titel geneigt ist, hier Diskussionen auszulösen.

        Und zu dem zu hohen Preis für die vermeintlich bedürftige Zielgruppe (Protestwähler etc.): ich lehne mich wahrscheinlich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass diese es auch nicht für 20,- EUR kaufen und spielen würden. „Hegemony“ ist ein Expertenspiel und bedient eine kleine Nische im Hobby. Diese Gruppen muss und müsste man über andere Wege erreichen (wobei ich nicht nur bei diesen einen Mangel an Verständnis für politische Prozesse sehe).

        Aber hier weiter gedacht: wenn es „Hegemony“ oder „Weimar“ und Konsorten gelingt, Leute zur Diskussion über Politik und politische Prozesse anzuregen, ist das doch sehr positiv; ganz egal, welcher „Schicht“ oder Wählergruppe sie angehören.

        Antworten
  • @ Christian zu dem Kommentar vom 09.02., 10:07 – auf den ich mangels entsprechender Schaltfläche leider nicht mehr direkt antworten kann:

    „Das was du jetzt beschreibst, ist das was ich dir in vielen Kommentaren aber immer wieder erklärt habe. Es ist eine eingedampfte Simulation, wie sich ein Staat in der Theorie entwickeln kann.“

    Ja, mein „Vorwurf“ der „Blauäugigkeit“ war auch meine allererste – und knappe – Reaktion auf die Rezension, und zwar in bemühter, aber offensichtlich misslungener (und/oder missverstandener) Absicht, die Launigkeit derselben mit diesem Ausdruck zu spiegeln. Hatte nicht erwartet, dass der Ausdruck Dich und andere so triggern würde, also entschudige bitte meine Wortwahl.
    Es war wirklich nicht persönlich oder gar als Beleidigung gemeint, sondern nur als eher harmlos-launiger Ausdruck dafür, dass ein – für mich – wesentlicher Aspekt etwas zu kurz kam. Genau deshalb habe ich mir einige mögliche, aber m.E. eben persönlich deutlich abwertendere Synonyme in meinem bewusst kurzen Statement verkniffen (wenn ich Dich oder die Rezension für „naiv“ gehalten hätte, hätte ich das auch so benannt – für mich war meine Wortwahl in Verbindung mit „schön geschriebener Rezension“ der Versuch, das von mir Vermisste in einem Wort Deiner deutlich spürbaren Begeisterung für das Spiel zuzuschreiben, und eben nicht einem grundsätzlichen Wesenszug anzulasten – hat offensichtlich leider nicht geklappt).

    Deinen Kommentaren würde ich dieses Attribut auch niemals anheften, da hast Du ja sofort deutlich angesprochen, was ich in der Rezension selbst etwas vermisst hatte bzw. mir etwas untergegangen ist.
    Sicher ist das Spiel nicht uninteressant, allerdings habe ich auf diesem Feld mit der Realität derzeit mehr als genug Herausforderungen zu begegnen.
    Und ich habe auch angesichts des für das Spiel aufgerufenen Preises leider nicht den Eindruck, als könne es denen, die es eigentlich am nötigsten hätten (Stichwort Protestwähler einer bestimmten Partei), dabei helfen, die tatsächlichen Zusammenhänge wenigstens im Ansatz zu begreifen, wie Du es bei Deinen „Politik? Geh weg!“-Mitspielern in einem späteren Kommentar beschrieben hattest.

    Also nochmal: Entschuldige, wenn ich Dir auf die Füsse getreten haben sollte, das war wirklich nicht meine Absicht.

    Antworten
    • Hallo KK,

      jetzt schreiben wir beide zur Unzeit. 😀 Vielen Dank für deine Antwort, das weiß ich sehr zu schätzen, vor allem weil das in der heutigen Zeit keine Selbstverständlichkeit ist. Immerhin haben wir glaube ich den Kommentarrekord geknackt. Ich hätte mir trotzdem eine Abkürzung zwischendurch gewünscht. Die Textlänge zur Erklärung waren gefühlt 1,5 Rezensionen. *Schwitz* 😀 😀 😀

      Liebe Grüße

      Christian

      Antworten
      • Der Kommentarrekord, den ich eigentlich gar nicht lostreten wollte, kann von meiner Seite aus gerne sehr lange Bestand haben. Erstens gibt es nicht so viele Thematiken, die mich derart beschäftigen, und zweitens werde ich künftig die Kürze vielleicht misszuverstehende Adjektive meiden und meine Kritikpunkte direkt umfänglicher erläutern, falls ich nochmal welche finden sollte 😉

        Gerade Du hast hier immer wieder auch Spiele aus meinem Beuteschema besprochen, dafür bin ich Dir wirklich dankbar.

        Antworten
        • Hallo KK,

          also wenn dir bei der nächsten Rezension etwas unklar sollte, gerade bei der Mechanik z.B. kann das bei uns gerne mal passieren, dann hau immer Fragen raus. Wir erklären Brettspiele oft eben nur in Grundzügen und schreiben eben anders darüber, weil bei uns kein Brettspiel von den Regeln im Detail erklärt werden soll.

          Wie du siehst, Zusatzinfos, mehr Details oder warum wir gewisse Dinge s oempfinden, erklären wir gerne! Nur eben eigentlich unter anderen Voraussetzungen. Das haben wir zwar jetzt ja aber abgehackt 🙂

          Schönen Sonntag

          Christian

          Antworten
  • Denny Crane
    10. Februar 2024 9:52

    Allein diese (auf Augenhöhe) geführte Diskussion zeigt aber, was für ein pädagogisches Wuchtpotential dieses Spiel in den richtigen Händen haben kann. Ich denke da an (motivierte) Sozialkundelehrer uä.
    eben genau weil es sich dem schwierigen Thema spielerisch und damit auch nicht immer realistisch nähert. Aber in einer Nachbesprechung nach so einer Erfahrung kann man in der richtigen Gruppe sooo viel Eindrücke/Vergleiche fürs echte Leben zu einem Thema (was JEDEN beeinflusst) mitnehmen…welches Spiel kann so eine Hammer Aussage von sich machen.
    Der Verlag verdient mein R3spekt dafür. Jetzt muss ich es nur noch selbst irgendwo spielen 😃

    Antworten
    • Gordon Shumway
      11. Februar 2024 12:16

      Genau das dachte ich auch. Eigentlich war das Spiel jetzt nicht auf meiner Wunschliste, aber mittlerweile habe ich da schon Lust drauf. Wir haben bei uns in der Runde immer mal wieder ähnliche Diskussionen zum Thema Politik und Gesellschaft und aufgrund unserer unterschiedlichen Sichtweisen sind die Diskussionen echt spannend. Manchmal aber auch anstrengend für alle Beteiligten. 😉 Da wird dann auch gerne mal etwas gestichelt oder Dinge werden simplifiziert. Da wäre das Spiel eigentlich genau das Richtige. Dazu dann die passenden „Verkleidungen“: Blaumann, Hose und Hemd, Anzug. Und dann kann es losgehen. Natürlich mit „vertauschten Rollen“. Der Anzugträger kriegt den Blaumann und andersherum. Da würde man noch länger von gut haben. 😀

      Antworten
      • Genauso macht es eben auch Spaß! Glaub mir, ich habe mich über meinen Sprech als Kapitalist selbst gewundert. Und es war kein Sprech aus dem Rollenspiel (ich hatte einen Anzug an), sondern aus der Logik meines Spiels, meiner eigenen Optimierung zum Spielsieg. Was habe ich mich über die Offshore-Konten gefreut, was habe ich mich darüber fast geschämt. Wie ich argumentierte, das ich mit meinen Einflusswürfeln ja nichts gegen die Gehälter mache, obwohl sie viel zu hoch waren, aber wir bitte alle einen Pakt für niedrige Steuern machen. Was habe ich mich auch gefreut, als ich dem Staat völlig überteuerte Waren andrehen konnte (ich dachte da z.B. an den Maskendeal) und sein Geld nahm, was dann in der Staatskasse am Ende fast fehlte.

        Das ist so witzig wie befremdlich.

        ABER nur um es noch einmal zu sagen, im nächsten Spiel ist die strategische Ausrichtung natürlich sehr ähnlich. Das heißt nicht, dass sich das Spiel dadurch gleich spielt (Zufall der Karten, andere Personen, historische Ereignisse durch die Erweiterung), aber der Fokus ist halt gleich. Das ist aus meiner Sicht der größte Kritikpunkt, vor allem wenn man es öfters hintereinander in der gleichen Rolle spielt.

        Antworten
  • Apropos „Weimar“…..

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Sie müssen den Bedingungen zustimmen, um fortzufahren.

Ich akzeptiere die Datenschutzhinweise: