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Fragst du dich was das für ein Cover-Bild ist? Ich frage mich, warum ich manchmal eine Stunde am Stück nur Konversationen gelauscht habe.

Lassen sie mich durch, ich bin Blogger Videospiel-Arzt! Status des Patienten? Schwere Brüche im Immersionskorpus, fatale Quetschung der Spielmechanik-Weichteile und Verbrennungen dritten Grades der NPC-Epidermis. Ich habe solch absurden Verletzungen, gerade in dieser schwerwiegenden Form, selten gesehen. Rekonstruktion des Tathergangs? Ich denke, 40 Stunden unentwegt gegen die Immersionswand gelaufen, bis sie brach. Es folgte der Sturz aus dem Adventure-Tower in die harte Realität. Das Rettungsnetz aus Kampf-Action-Kaschierung und aufgeblasener Gesprächs-Auffangmatte, hielt dem Aufprall nicht stand. Ihr haltet die Einleitung zum Action-Adventure Vampyr für übertrieben? Mag sein, ich zumindest fühlte mich am Ende einfach nur noch blutleer – das lag leider nicht an Vampiren. Metapher aus dem Keller? Da lag im Sarg auch stellenweise der Spielspaß begraben.

Der Teufelskreis

Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht wo ich Anfangen soll. Es gibt keinen Startpunkt des Dramas, eher hängt alles miteinander zusammen. Vampyr ist kein schlechtes Videospiel wenn man es vor sich hinspielt. Vielleicht spielt es sich sogar besser, wenn man dem Blutrausch erliegt und den klassischen Vampir abgibt. Aber unser guter Dr. Reid ist so nicht geschrieben. Er schätzt das Leben, nein, eigentlich will er es sogar beschützen. Dr. Reid ist Arzt und das merkt man an jeder Stelle im Spiel. Ein Mann der Wissenschaft, mit einem starken moralischen Kompass. Spielt man diesen Dr. Reid so, passt in Vampyr für mich nicht mehr viel zusammen.

Das tragische, Vampyr ist kein schlechtes Spiel, aber es ist wahnsinnig schlecht genau das zu Kaschieren. In jedem Moment war ich mir dessen Bewusst, hier ein Spiel vor Augen zu haben. Man sieht formlich die Spielmechaniken, das spielerische Gerüst, an jeder Ecke blitzt es durch. Das ist für ein Videospiel, welches so viel Wert auf Atmosphäre legt, einfach nur fatal. In ein gutes Spiel tauche ich ein, hier bin ich nicht mal in die Nähe von Wasser gekommen. Ich sehe nur Excel-Tabellen und Flipcharts der Spielentwicklung.

Der große Lacher

Eine kleine Geschichte die dies gut umreißt. Ich spiele Pen & Paper Rollenspiele und dort gerade recht viel Cthulhu. Unsere Kampagne spielt in London, in den 20igern. Das Setting ist dem von Vampyr also sehr nah. Unsere Gruppe befand sich gerade am Hauptbahnhof, als ich den Spielleiter fragte, ob in der Nähe eine Mülltonne und eine Parkbank wären. Er bejahte dies, woraufhin ich erwiderte, dass ich den Haufen Pennys von der Bank und aus dem Mülleimer Codein aufsammle. Verdutze Gesichter am Tisch, was für ein grober Unfug! Einer hat aber gelacht. Dieser Spieler hat ebenfalls Vampyr gespielt.

Ich kann es nicht fassen

Ich kann wirklich nicht glauben, wie man so schlampig mit Atmosphäre umgehen kann. Dr. Reid sammelt was das Zeug hält. Er wäre in der heutigen Zeit der Kaiser des Flaschensammelns. Die Hälfte der Spielzeit drückt man eine Taste, um Dinge aufzusammeln. In einem absolut versifften London findet man an jeder Stelle Geld. Überall! Die Bürger Londons mussten damals reich sein, wenn sie überall ihr Geld rumliegen lassen. Und während die Menschen an Krankheiten leiden, Krankenhäuser im Spiel um ihr Überleben kämpfen, sammelt der gute Dr. Reid so viele Inhaltsstoffe für Medikamente aus Mülleimern, dass er die ganze Welt davon retten könnte. Jede Nacht! Immer wieder! Wer schmeißt bloß so viel Codein weg? Codein ist übrigens nur ein Inhaltsstoff. Man findet noch wesentlich mehr. Es ist absurd!

Auf frischer Tat ertappt! Dr. Reid räubert wieder gut betuchte alte Damen im West End aus.

Aber es wird ja noch besser! Denn der gute Doktor, der bei zwielichtigen Gestalten in langatmigen Gesprächen gerne den heiligen Ritter spielt, zieht des Nachts plündernd durch London. Kein Schrank ist vor ihm sicher! Selbst Büros von Arbeitskollegen werden gewissenlos ausgeräumt. Dr. Reid klaut mehr als Garret, der bekanntlich der Meisterdieb ist. Was für ein Schwachsinn! Wirklich, ich fand das so dermaßen dämlich. Der Grund ist die Spielmechanik. Und da sind wir beim nächsten Problem.

Spielmechanik über alles

Die einzelnen Komponenten von Vampyr, also Medizin herstellen, Waffen pimpen, sich durch Blut hochleveln, unterliegen auf dem Reißbrett gewissen Systemen. Die sind im Spiel wichtiger als Immersion und Atmosphäre. Es wurde versäumt diese Dinge intelligent einzubinden! Ich muss so viel medizinische Stoffe finden, weil ich nach jeder Nacht die erkrankten Bürger abermals retten muss. Ich muss auch mit Leuten Gespräche führen, damit ihr Blutwert steigt. Nur so kriege ich die volle Erfahrung, wenn ich sie aussauge. Bitte was?!

Die eine Nebenmission, die man von jeder Person bekommt, ist oft ganz nett. Aber am Ende dient das alles der Erfahrung. Habe ich von einer Person alle Infos erhalten, ist sie nichts weiter als eine Blutsäule. Jede Nacht stehen die Personen an der gleichen Stelle, reden die gleichen Sätze. Das hat was von täglich grüßt die Fledermaus. Klar, dass ist bei anderen Spielen auch so, aber in Vampyr ist es so dermaßen schlecht kaschiert. Ich hatte selten das Gefühl eine Person vor mir zu haben, sondern nur ein EP-Diagramm. Warum sind die Gespräche nicht über mehrere Kapitel gestreckt? Dann wäre es weniger aufgefallen. So kommt man in einen neuen Bezirk, darf mit den Bewohner locker eine Stunde Gespräche führen und dann war es das meistens für den Rest des Spiels.

Wer bitte kennt das Problem nicht: Die Taschen voller Geld, nirgends mehr Platz. Die Bürger Londons schmücken die Viertel drinnen wie draußen mit Stapeln voller Geld. Als „bettelarmer“ Arzt, greift man da gerne zu.

Langeweile

Einen Zweihand-Knüppel ausgestattet, Betäuben ausgebaut und Ausdauer aufgewertet. Fertig ist ein Dr. Reid als Mr. Unbesiegbar. Ich konnte Bossgegner 10 Level über mir mit etwas Konzentration besiegen, normale Gegner waren gar keine Herausforderung. Man schlägt meist dreimal zu, dann taumelt der Gegner. Es folgt der Biss, der mit einer Animation begleitet wird, in dessen Zeit man unbesiegbar ist, sich aber die Ausdauerleiste wieder füllt. Nach dem Biss wiederholt man das Prozedere. Stumpf wäre ein zu positives Adjektiv.

Das Problem an dem Umstand, ich muss viel weniger Leveln. Ich brauche auch viel weniger Erfahrung. Ergo muss ich weniger Blut aus Bürgern ziehen. Heißt, ich habe es verdammt leicht als Vampir auf meinen Blutdurst zu verzichten. Wirkt auch unglücklich, ich war immer nur Doktor, nie Vampir.

Die Spirale geht weiter. Ich brauche daher auch weniger mit den Leuten reden, noch ihr Blut verbessern. Da Bürger nur krank werden, wenn ich schlafe um mich aufzulevel, werden die geheilten Bürger weniger krank. Verdammt, dass ganze Sammeln von Codein war umsonst! Das heißt, die offensichtlichen Spielmechaniken die einem ins Gesicht geprügelt werden und die Immersion versauen, sind auch noch unausgeglichen gestaltet. Wer einmal ein wenig an der Oberfläche pult, hat Vampyr schnell in seine Einzelteile zerlegt.

Ich wollte Vampyr bis zum Schluss lieben lernen. Am Ende habe ich den Abspann herbeigesehnt.

Wirklich Schade

Das schmerzt im Herzen, weil ich Vampyr für sein London liebe und für die Sorgfalt bei Nebenmissionen. Hier steckt viel gutes drin! Wie großartig wäre es gewesen, wenn ich als Pazifist, wirklich meinem Blutdurst hätte hier und da erliegen müssen? Wen hätte ich getötet? Diese moralischen Zwickmühlen wären wichtig gewesen. Und zwar nicht, weil ich das für EP machen muss, sondern weil ich als Vampir überleben muss. Atmosphäre über EP, das wäre der richtige Leitfaden gewesen. Das wollte Vampyr auch irgendwie vermitteln, stellt sich aber selber ein Bein. Weniger wäre hier mehr gewesen! Weniger Backtracking, Sammelwahn, Skillnonsens und Aufrüsten von Waffen. Warum muss Dr. Reid als Jungvampir auch noch ein Meisterhandwerker sein? Die Zutaten für ein geniales Vampir-Adventure mit moralischen Zwickmühlen wären da gewesen. Extrem Schade für ein Entwicklerstudio, das ich eigentlich ziemlich sympathisch finde.

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1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

  • Die Schwächen des Spiels liegen klar und deutlich auf der Hand.

    Ich habe mich auf den Vampir mit moralischem Kompass eingelassen der seine eigene Wertvorstellung in die Opferauswahl einbringt. So sind die Schwächen zwar immer noch da, aber dafür hatte ich einige nette Stunden voller seichter Schauerromantik, die an die Hörspiele von Titania Medien erinnern. Dadurch wirken sämtliche Gameplay Mechaniken, die zurecht kritisiert werden, geradezu überflüssig. Ebenso unnötig der Kampf.
    Als interaktiver Film, wie z.B. Detroid, hätte dieses Spiel besser funktioniert.

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