Lesezeit: 7 Minuten
Algae Inc.Algae Inc. kann ein grausamer Wecker sein. Samstagmorgen. Ich schlummere wohlig warm in meinem flauschigen Bett. Da werde ich brutal aus meinem Schlaf gerissen. „Welche Abteilung hast du gestern gespielt? Wie viele Punkte hast du gemacht? Wie weit hast du deine Produktionsanlagen ausgebaut?“ – meine Frau, energisch interessiert, will alles über die gestrige Partie wissen, an der sie nicht teilnehmen konnte. Nur wenige Spiele lösen solche morgendlichen Verhöre aus. Algae Inc. scheint also einiges sehr richtig zu machen. Doch wo genau liegt der Reiz – und stinkt es im Algentank vielleicht auch ein bisschen?

Kurzcheck: Darum geht es in Algae Inc.

In Algae Inc. dreht sich alles um die Verarbeitung von Algen – einer wertvollen Ressource für zahlreiche industrielle Anwendungen. Jede Person übernimmt eine der vier stark asymmetrischen Abteilungen und produziert je nach Zuständigkeit Bioplastik, Biotreibstoff, Kosmetika oder Lebensmittel. Ziel ist es, Filialen in europäischen Städten zu eröffnen und dort die hergestellten Produkte zu verkaufen. Dafür stellst du Mitarbeitende ein, die die spielerischen Bereiche der Logistik, Produktion oder dein Wissen über Algen optimieren. Erster Clou: Ihr sitzt alle in der gleichen Firma! Zugänge zu Ressourcen müssen sich geteilt werden, was zu Konflikten führen kann. Weiter kann ich meine Produkte in Filialen, die andere teuer erbaut haben, kostenlos mit anbieten. Allerdings gerate ich so ins Hintertreffen bei den diversen Meilensteinen der Firma, über die Siegpunkte ausgeschüttet werden. Je früher ich gegenüber anderen etwas schaffe, desto mehr Punkte erhalte ich.

Algae Inc. ist dabei an vorderster Front ein absoluter Enginebuilder. Nur wenige Brettspiele in meinem Regal stellen die eigene Engine thematisch so stark ins Schaufenster. Flankiert wird dies von Aktionsplanungen über ein Aktionsraster und einer leichten Puzzlemechnaik zur Engine-Verbesserung. Das Spielgefühl gibt sich dabei äußerst prägnant. Alles ist einem einzigen Element untergeordnet: Effizienz. Jede der insgesamt eher wenigen Aktionen muss diesem Motto untergeordnet werden, damit am Ende der Spielsieg winkt. Einfach mal machen ist in Algae Inc. einfach mal verlieren.

Die Erstpartie beginnt …

Ist schon Weihnachten?

Ich sitze am Tisch, die sommerliche Sonne wärmt meinen Rücken.  Voller Vorfreude öffne ich die Schachtel von Algae Inc. und fange an aufzubauen. Ich staune über die Masse an Plättchen – jede Abteilung hat ihren eigenen fetten Vorrat, der auf dem Tableau vorab verpuzzelt werden will. Und das Aktionsbrett samt Europa-Meilensteinspielbrett schreit: maximale Varianz! Wohl das allgemeine Motto der Autor:innen Julia Thiemann und Christoph Waage. Plättchen. Plättchen. Marker. Mark… „Papa!“, ruft es durchs Haus, „der Weihnachtsmann ist da!“ Fuck. Es ist Dezember. Verzeiht mir diese anekdotische Übertreibung – aber der Aufbau fühlt sich genau so an. Algae Inc. bietet fantastische Asymmetrie und Abwechslung, doch der Aufbau? Kleinteilige Brettspielhölle.

Algae Inc.
So viele Teile! Übrigens, das Aktionsbrett ist auch aus Einzelteilen zusammengebaut …

Förderbänder des Wahnsinns

Den Hammer des Aufbaus noch nicht ganz verkraftet, da trifft die nächste Wuchtkeule meinen Schädel. Ich sitze vor meinen zwei Spieltableaus – deren Größe reicht, um eine Familie durch den Winter zu bringen, zumindest wenn sich diese Familie von Spieltableaus ernähren würde – und bin erschlagen. Enginebuilding ist in Algae Inc. nicht nur ein Schlagwort. Mein ganzes Gesichtsfeld ist gefüllt mit Engine, ich schmecke es geradezu. Förderbänder, Algensteine, Plättchen links, Plättchen rechts – alles wünscht ineinanderzugreifen, aber nichts passt. Ich sehe, was ich tun könnte, aber noch mehr, was ich nicht kann.

Algae Inc.
Lebensmittel sind etwas anderes als …

Schnell wird mir klar: Es braucht massiv viele Aktionen, um zunächst die Engine, ergo Förderbandeffizienz, und das Wissen um Algen zu erhöhen. Und dann braucht es nicht minder wenige Aktionen, die Algensteine über die Förderbänder zu bugsieren, damit ich am Ende der Herr der Lebensmittel werde. Letzteres ist für mich die eigentlich belohnende Mechanik. Kennt ihr diese Videos, wo Menschen wilde Kettenreaktionsmaschinen erschaffen? Ein Stück weit habe ich auch hier dieses Feeling. Wobei, das ist gelogen, zumindest als algenstichiger Greenhorn des Spiels. Es geht nämlich nicht viel zusammen. Blick zu meinen Mitspielenden – die Fragezeichen brechen sich durch deren Schädeldecke.

Algae Inc.
… z. B. Biokraftstoff

Aktionsmotor-Folter

Kommen wir nun zum Grundproblem Grundreiz: das Aktionsraster. Ein Wegenetz, auf dem ich mit meinem Worker fünf Felder pro Runde gehe. Jedes Feld eine Aktion. Dabei ist jeder Schritt aufgrund des Wegenetzes auch eine Entscheidung darüber, was ich an Aktionen in den folgenden Phasen nicht mehr erreichen kann. Autsch. Aber erst die halbe Daumenschraube.

Algae Inc.
Das Aktionsraster verändert sich pro Runde, weil die Plättchen umgedreht werden

Schlimmer ist folgende sehr einfache Rechnung: Die drei Förderbänder (A, B, C) benötigen je eine eigene Aktion, um die Algensteine zu bewegen – bleiben zwei übrig. Eine Aktion davon brauche ich zum Ausliefern. Bleibt eine Aktion für Engine-Ausbau oder Personal pro Runde. Da wir insgesamt nur vier Runden spielen, heißt das in dieser Rechnung nur viermal Engineverbesserung in der ganzen Partie! Arschlecken. Das reicht für gar nichts. Das wird keine gute Engine, das wird Abfall. Das Problem: DIe Produktion bleibt zu simpel, der Ertrag zu niedrig, um viele Waren auszuliefern. Und weil die Aktionsfelder im Raster selten passgenau in logischer Reihenfolge liegen, aber spielerisch eigentlich einer logischen Abfolge unterliegen, wird es nicht einfacher. Wer beabsichtigt mich hier zu verarschen? Fast habe ich Cooper-Island-Vibes. Viel Hirnschmalz für keinen Ertrag.

Das Aktionsraster schüttet am Ende Boni anhand der Position des Workers aus, aber nur, wenn die Energieleiste dies freischaltet

Ich, der Herr der Effizienz

Aber meine Güte, macht es Laune, sich genau dieser auf den ersten Blick als hoffnungslos darstellenden Herausforderung zu stellen. Erste Partie? Irgendwas um die 25 Punkte. Es wurden keine Algen verarbeitet, sondern ausschließlich mein Hirn. Einige Partien später mit der gleichen Abteilung fluffige 86 Punkte erspielt. Aus Hirnlos wird Algen-Burger-König! Ein Sorry an meine Brettspielbagaluten, die chancenlos als Erstspieler abgehängt wurden. Während ich meine Engine bewunderte, hatten sie sich zwischen Aktionsraster und Förderbändern verstrickt.

Algae Inc.
Gewisse Förderbandaktionen und Rundenboni erhältst du nur, wenn die Energie stimmt

Die Lösung meiner erlebten neuen Effizienz ist mannigfaltig. Und gleichzeitig der Antrieb des „Weckers“ in der Einleitung. Algae Inc. macht neugierig auf das erlebte Vorgehen und dies für jede Abteilung aufs NeueZunächst ist da die zwingende Auseinandersetzung mit dem Aktionspfad. Erfolgreiches Business funktioniert nur durch die Vorausplanung von vielen Aktionen in die Zukunft. Gleichzeitig zwingt einen die zusammengewürfelte „Aktionskette“ zu Kompromissen. Im Moment einen Schritt zurück und auf einen Rundenbonus verzichten, dafür die bessere Aktion für die Zukunft ausgeführt, kann elementar wertvoll sein. Gleichzeitig bieten Bonus-Plättchen, die Aktionsarten verändern, oder die Zerstörung von Geld- wie Siegpunkteinnahmen für Doppelaktionen zur richtigen Zeit, die Möglichkeit, unschaffbares doch noch zu erledigen. Ich erwische mich dabei, wie ich mich selbst über Erfolge überrasche.

Algae Inc.
Beim „Plastik“ wurden erste Verbesserungen an der Engine durchgeführt

Versteckte Interaktion

Bis hierhin wirkt Algae Inc. wie ein Solo-Puzzle. Gut so! Ich bin absolut glücklich darüber, denn wenn mir jetzt noch der fiese Enno oder Babo-Björn mit ihren Aktionen meine Planung fürs Engine-Building versauen, dann würde ich dieses Brettspiel in den Smoothie-Mixer werfen. Hey, ich verheddere mich hier anfänglich massiv im Plättchen- und Förderbandmassaker, lasst mich gefälligst alleine knobeln!

Algae Inc.
Blockade-Plättchen für eine bessere Engine müssen vom Laufbandtableau weggepuzzelt werden

Trotzdem kommt mit der Spielerfahrung eine Portion Interaktion dazu, die sich erst spannend entfaltet, wenn das Hirn nicht ständig zur inneren Demo für eine gesunde Life-Spiel-Balance aufruft. Denn wie eingangs erwähnt, muss die Ware ausgeliefert werden. Diese Auslieferung ist mit „Missionen“ (Meilensteine) verknüpft. Hier ist der Unterschied zwischen Erster und Dritter sein exorbitant. Wer gewinnen will, muss schneller sein! Und genau das beißt sich oft mit der eigenen Aktionsplanung. Ich ertappe mich dabei, wie ich die Tableaus der Mitspielenden studiere. Denn Timing ist alles – und die beste Engine ist wertlos, wenn andere früher liefern. Zugegeben, diese Ebene wird in der Erstpartie eher nicht erreicht.

Algae Inc.
Wem die Interaktion fehlt, ist bisher nicht beim Gerangel um Auslieferungen angekommen

Zwei und vier

Noch etwas informativen Charakter zum Schluss. Zu zweit spielt sich Algae Inc. ganz ausgezeichnet! Es ist dann auch aufgrund der geringen Aktionsanzahl in 60 bis 75 Minuten gespielt. Für solch einen Brecher ist das ziemlich cool. Zu viert ist Algae Inc. dann allerdings bei seinem Sweetspot. Nicht nur ist hier das Gerangel um Meilensteine am spannendsten, sondern auch der Streit um den gemeinsamen Algenvorrat der Firma ist wesentlich spürbarer.

Offener Brettspieltreff: Zu viert ist Algae Inc. ein Fest

Fazit

Algae Inc. ist wie ein präzise getaktetes Monsterproduktionswerk, nur dass du die Förderbänder und Automatismen selbst zusammensetzen musst, während die Produktion schon läuft. Da bricht Hektik aus! Dazu raubt der Aufbau Zeit und Nerven, die ersten Partien massig Hirnzellen, und das Aktionsraster lässt dich anfänglich regelmäßig ins Leere planen. Du kannst hier schnell kopflos durchs Spiel stolpern und wenig erreichen. Doch wer sich dieser strukturierten Förderband-Folter stellt, wird mit einer der plakativsten und motivierendsten Enginebuilding-Erfahrungen der letzten Zeit belohnt. Es ist fordernd, voller Mini-Sackgassen, ja bisweilen erschlagend, aber wenn die Förderbänder laufen, man seine spezielle Abteilung durchdrungen hat, dann ist der Belohnungsreiz überaus stark. Dabei ist es beeindruckend, welch wunderbaren Tiefgang Algae Inc. über so wenige Hauptaktionen zelebriert. Ja, im Kern mag die Interaktion gering sein, aber mit wachsender Spielerfahrung und dem Gerangel um Siegpunkte bei den Meilensteinen legt Algae Inc. auch hier zu. Entsprechend bin ich ein echter Algen-Fan geworden!

Algae Inc.
Spielinformationen
Genre: Engine-Builder | Personen: 1 - 4 | Alter: ab 14 Jahren | Dauer: 90 - 120 Minuten | Autor: Julia Thiemann, Christoph Waage | Illustration: Maxime Sarthou | vergünstigtes Rezensionsexemplar erhalten
SPIELSPASS
9
MATERIAL
8
SPIELIDEE
8.5
Positive Aspekte
Komplexes, abwechslungsreiches und motivierendes Engine-Building
Hohe Asymmetrie
Planung der Aktionsketten angenehm fordernd
Verschiedene Wege bei der Algenproduktion möglich
Varianz sehr hoch
Negative Aspekte
Extrem kleinteiliger und zeitraubender Aufbau
Der Einstieg ist heftig, auch aufgrund der Asymmetrie
Interaktion kommt eher durch Spielerfahrung und ist anfänglich wenig zu spüren
9
Redakteur | Admin | Gründer von Brett & Pad | Website |  + Letzte Artikel

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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Dennis - BGT Brettspiel Podcast
    30. Juli 2025 8:11

    Schöner Beitrag @Christian

    War schon letztes Jahr in Merseburg begeistert. Habe es dann vorbestellt und konnte die meisten Regeln tatsächlich, knapp 1 Jahr ohne Partie, noch herleiten.
    Aber ja, der Aufbau ist unglaublich kleinteilig.
    Da hilft nur der gute alte 3D-Druck. Hilft zumindest ein bisschen.

    Antworten
    • Hihihi 🙂 Bei mir war es erst andersrum. Bei den B-Rex-Tagen hatte ich gar nicht so große Luft drauf, weil es einfach so brutal mächtig aussah. Und so grün. Aber dann hat es mich ja schon neugierig gemacht, auch weil es dir ja so gefallen hat. Am Ende ist es in diesem Halbjahr eines meiner schönsten Brettspielerlebnisse im Bereich Eurogame. Und meiner meinen Mitspielenden, besonders meiner Frau, hat es auch echt gut gefallen.

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