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Vorsicht vor dem sogenannten Experten!

Du findest Brettspiele sind ein richtig feines Hobby? Du fängst gerade erst an und tummelst dich in Foren und Facebookgruppen auf der Suche nach den Spielen, die man haben muss? Checkst Top-Listen von dubiosen Bloggern, auf das dein maßloser Kaufrausch etwas Struktur erhält? Oder hast du zu Hause 50 Brettspiele und bist der Meeple-Papst in deinem Umkreis? Der Brettspiel-Geek? Vorsicht vor der Zukunft!

Mit der Zeit schleichen sich Dinge in dein Leben, vor denen ein unbescholtener Nicht-Brettspieler in Ohnmacht fallen würde! Lese meinen Leitfaden und du kennst deine Zukunft als Brettspielliebhaber oder nennt man das schon Leidenschafter? Um diese Einleitung perfekt zu machen: Du wirst nicht glauben, wie sehr dich mein Tipp 6 weiter bringen wird!  – das wollte ich schon immer mal schreiben.

1. Deine Sammlung ist immer zu klein

Du denkst dein Brettspielregal hinter dir an der Wand sieht imposant bis schick aus? Dein Partner bezeichnet dich als verrückt und geekig? Merke Dir, da draußen ist deine Zahl nichts wert, geh damit bloß nicht hausieren. Egal wie viele Spiele du hast. Wie war die Empörung groß, als der gute Pascal von Engelbrechten in den Zeitungen verlauten ließ, das seine Sammlung mit 2611 Brettspielen auf den Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde wartet. Bluthochdruck in der Community! Was für ein mickriger Benchmark. Denn Hans-Pöppel der High-Performer hatte ganze 4849 und am Ende besaß manch Liebhaber Leidenschafter um die 16 000 Brettspiele. Wie war das mit der Zweitwohnung als Lagerplatz? Ich habe dich hiermit vor der Sammelleidenschaft gewarnt, denn aus 50 werden schnell 500. Meine Wohnung ist nicht weit entfernt von RTL2 und der Doku „Wie werde ich ein (Brettspiel-)Messi?„.

2. Nicht so schnell junger Padawan

Du hältst deine neue Brettspiel-Perle in den Händen und möchtest vor Überschwang der ganzen Welt davon erzählen, denkst dir aber, erstmal eine Partie spielen, dann darüber berichten. Kleiner Tipp am Rande, für einen Experten hast du immer X – 1 Spiele gespielt, wobei X die theoretische Summe für eine berechtigte Kritik wäre. Und auch nach hundert Partien kann ein Spiel noch ein wahrer Sickerflopp sein. Also halt die Füße still und erweitere deine Sammlung. Dann reicht irgendwann zur Beurteilung auch das Lesen der Regel. Ich habe gehört, manch Spieler kann sogar nur am Geruch des Kartons erkennen, ob das Spiel etwas taugt. Eine mutierte Brettspielernase nennt man das, vielleicht ausgelöst durch die umweltfreundlichen Materialen aus der Chinaproduktion?

3. Das Spiel ist sekundär

Hängt fast mit Tipp Nr. 2 zusammen, denn als Sammler von Brettspielen ist das spielerische Element von Neuerscheinungen erstmal sekundär. In erster Linie geht es um den Mehrwert. Streichel nicht nur den Karton, denk lieber an das Inlay. Bevor du also überlegst mitzuteilen, warum du dein Brettspiel mit ins Bett nimmst, mach dir  lieber Gedanken, wie du das 80 € Schnapper-Brettspiel mit einem angemessenen Inlay auf ein akzeptables Niveau hebst. Und diese Metallmünzen erst! Du hast nur das Originalmaterial? Damit willst du irgendwann nicht mehr um die Ecke kommen. Schlichter Karton und Zip-Beutel? Wir sind doch nicht in der Bücherhalle!

Wenn der Platz oberhalb des Regals zur Decke so ausschaut, beginnen die Probleme.

4. IKEA, maximal das Regal!

Das Deluxe-All-In-Kickstarter-Brettspiel, für das andere einen kleinen Gebrauchtwagen kaufen, auf deinen schlichten Holztisch packen? Ja, immerhin kein IKEA-Furnier, sondern Echtholz, aber nur 90 cm in der Breite und keine Getränkehalter. Keine eingelassene Spielfläche mit Poker-Filz, keine drei möglichen Neoprenunterlagen, kein transparenter Hartplastikdeckel, für nicht plan aufliegende Spielertableaus? Wo zum Teufel ist die LED-Beleuchtung, die meine angemalten Figuren und Deluxe-Token erstrahlen lassen? Am Tischbein kein USB-Stecker? Hey, ich brauch zum Tracken meiner Spiele Strom! Ein Desaster, wie soll man da zusammenkommen? Und falls du nun aufrüsten willst, bitte nicht diese wackligen 500 € Einsteiger-Brettspieltische. Ein Rathskellers darfs schon  für das eigene Seelenheil werden.

5. Du spielst im Wohnzimmer?

Deine Spielabende finden im Wohnzimmer statt? Isst du auch auf dem Klo? Jede ernst gemeinte Beschäftigung verdient seine richtige Umgebung, daher sollte man tunlichst ein Brettspielzimmer einrichten. Wer keinen Platz hat, ist auch immer zu Müde für Sport und hat sich in seiner Komfortzone eingebuttert. Dynamisch denken! Einfach eine Schlafcouch kaufen und das Schlafzimmer zum Brettspieltempel umfunktionieren. Vielleicht passt auch das Kinderzimmer! Die kleinen Racker sollen eh draußen spielen und ein Kinderzimmer voller Spielzeug verformt nur negativ den Charakter. Wer noch ganz kleinen Nachwuchs hat, kann sein Baby auch in einem Gloomhaven Karton schlafen legen. Der originale Karton ist eh nicht zu gebrauchen, denn optionales 3D-Druckmaterial und die kommende Pflichterweiterung passen viel besser in eine Do-it-Youself-Box. Eine Win-Win-Situation für die ganze Familie!

6. Eröffne einen Blog

Irgendwann hast du so viel gespielt, dann folgt der nächste Schritt. Starte einen Blog! In Schriftform, wobei das grenzwertig ist, zeugt es nur davon, das man auf einem Stein hockt und am technischen Equipment spart. Geiz wird bei solchen Leuten groß geschrieben. Rechtschreibung ist übrigens sekundär *hust* Als bessere Alternative vielleicht ein Video-Blog? Oder Podcast? Dann wächst die Sammlung noch schneller, man will ja berichten. Und der Schlaf nimmt ab. Es folgt der Uberman. Eine schöne Sammlung und ein hinreißendes Hobby verlangen eben auch ein wenig Selbstaufgabe. Warum zuckt meine Auge eigentlich die ganze Zeit?

7. Hinlegen verboten

Moderne Kunst? Nein, einfach nur Zip-Beutel süchtig!

Freunde, irgendwann merkt man einfach, Brettspiele gehören nicht hingelegt! HOCHKANT müssen sie gelagert sein. Falls das teure Inlay dies nicht zulässt, weil Spielmaterial durch den Karton purzelt, war es nicht teuer genug. Warum das Ganze? Es verziehen sich ansonsten die Kartons oder werden durch das Gewicht eingedrückt – das geht so schnell, dass man erste Anzeichen schon nach dreißig Jahren sieht. Das will keiner Ansehen müssen! Damit sich der Brettspieldeckel nicht löst und alles stramm beieinander bleibt, benutzt der Profi kein Gummiband. Tappe nicht in die Falle von naiven Einsteigern. Bitte fahre in deinen lokalen Sex-Shop und lass dich über Bondage-Bänder beraten. Denn Gummibänder verursachen aufgrund seiner chemischen Zusammensetzung Langzeitschäden am Karton.

8. Das Kondom der Brettspieler

Der Aufstieg vom Spieler zum Sammel-Experten ist sicher das Kartenkondom, auch Sleeve genannt. Oft mit martialischen Namen gesegnet, wie Dragon, Ultimate, Paladin, Shadow oder ähnlichen erstklassigen Nicknames von Videospiel-Shooter-Kiddies. Diese hochpreisigen Deluxe-Ausgaben versprechen ein titanhaftes Vergnügen. Keine Billigmarken! Die funktionieren zwar tadellos, aber man will seinen Karten ja nicht dieses Unterschicht-Plastik zumuten. Allgemein sind Sleeves in Zeiten von Plastikmüllvermeidung eines der Dinge, auf die man trotzdem setzen sollte. Es wäre ein Drama, wenn man dem Spielmaterial ansieht, dass damit gespielt wurde.

Als Alternative folgender Tipp: man kauft jedes Spiel zweimal! Einmal für das Regal und einmal wenn der Besuch vorbeikommt und mit seinen saftigen McRib-Händen das teure Spielmaterial ganz vulgär betatschen möchte. Der letzte Satz enthält im Übrigen mit der Soße einen wahren Kern. Man mag es kaum glauben.

Was sind eure Liebhaber-Tipps?

Ich hoffe es fühlt sich niemand auf den Schlips getreten, jedes Hobby trägt doch wunderbare, bisweilen skurrile Blüten von wahrer Leidenschaft. Ich spreche da aus eigener Erfahrung und liebe die Hingabe von Menschen für ihre Herzensangelegenheit. Was sind eure Erfahrungen mit dem Brettspiel-Hobby? Haben sich auch Dinge eingeschlichen, die sich als unbedarfter Starter plötzlich manifestiert haben? Es gibt ja noch ein paar mehr Ausprägungen, wie die Sortierung von Spielen nach Verlag, Autor oder Farben. Ich bin gespannt was sich im Laufe der Zeit an witzigen Nebengeräuschen beim Hobby Brettspiel noch ansammeln wird.

Christian Administrator
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7 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Sehr geil geschrieben, hab beim Lesen lautstark die Luft mit der Nase ausgeatmet. In vielen Punkten erkenne ich mich wieder!

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  • Da bei den fraglos substantiellen Thema Kartenschutzhüllen nicht darauf eingegangen wurde, dass die scharfen Ecken von PremiumPlatinDeluxe-Sleeves mit einem dafür geeigneten Eckenrunder abgerundet werden müssen! kann ich diesen Artikel nicht ernst nehmen. Der Autor hat offenbar keinen blassen Schimmer.

    😉

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  • Jetzt mal im Ernst Christian, nachdem Du gefühlt jeden Monat 10 neue Spiele anschleppst, frage ich mich, ob Du gar keine blanken Wände mehr im Haus hat, sondern alles voller Kallaxregale steht. Mistest Du regelmäßig aus oder wie schaffst Du es ständig Deine Sammlung zu erweitern, ohne dass der Rest Deiner Familie ausrastet?
    Meine Frau verbietet mir inzwischen neue Spiele anzuschaffen, bzw. ich muss für jedes neue ein altes ausmisten. :-/

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    • Ich frage mich eigentlich schon die ganze Zeit wie ich das schaffe… allerdings spielt meine Frau ja auch sehr gerne Brettspiele und hat mir für Essen z.B. auch Spiele „aufgeschwatzt“. Einige Spiele sortiere ich wirklich aus, wobei mir das oft nicht leicht übers Herz geht. Daneben habe ich in der Tat ein sehr großes Kalaxx Regal, bei dem die Spiele dann bis unter die Decke gehen. Die Deckenhöhe ist dabei recht hoch 😉 Da kommt man ohne Tritt nicht an die Spiele. Und ein weiteres Regal für kleinere Spiele, die eher Bücherformat haben. Daneben habe ich ein eigenständiges Regal wo die Kinderspiele stehen. Ich kann mich aber noch in der Wohnung bewegen und etwas Platz ist noch 😉 Aber ich komme langsam an meine Grenzen.

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      • Ausmisten ist wirklich schwierig. Aber leider notwendig, zumindest bei uns. Ich versuche zumindest nach Marie Kondo zu gehen und mich zu bedanken, bevor ich es tue 😉

        Was mich auch fasziniert ist, wie Du es schaffst, bei Arbeitsalltag und Family so viel Gametime reinzukriegen. Ich bin froh, wenn ich 1 x die Woche schaffe mit meinem Job und 2 kleinen Kids. Meine Frau spielt auch sehr gerne, ist nach dem Alltag abends meistens einfach zu platt zum Spielen. Wie kriegt ihr das hin?

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        • Ich habe einmal an dieser ominösen Losbude den 36-Stunde-Tag gewonnen. 😉 Unsere Kinder spielen oft schon mit. Zum Beispiel Dungeon Mayham, Welkin, Snow Dice (geht morgen Online) oder Carnival of Monsters haben meine Kinder, zumindest der 8-Jährige ordentlich mitgepielt. Ansonsten ist es so, das wir auch oft platt sind. Was macht man? Serie gucken. Als Alternative Netflix. Ach verdammt, das ist ja auch Serie gucken… Meine Erfahrung ist, das wenn man sich aufrafft, genug Energie für ein Brettspiel vorhanden ist. Das ist so ein bissl der kleine Schweinehund. Am Ende ist es nämlich so, das wir dann mehr Spaß als mit der nächsten Folge hatten. Wobei wir natürlich auch mal was anderes machen. Dann habe ich eine sehr aktive Spielgruppe, eigentlich ist jeder aus meinem Freundeskreis Brettspieler (geworden). Es gibt also durchaus Wochen wo ich von an 5 von 7 Tagen Brettspiele spiele. Das größere Problem ist der Blog. Das ist ehrlich gesagt mittlerweile dann doch schon recht zeitaufwendig. Das war so auch niemals geplant. Da gehts nur über das Schreiben in der Mittagspause oder spät abends…Schlafentzug ist das Zauberwort. Was am meisten drunter leidet sind die Videospiele. Wo ich früher abends noch ne Runde gezockt habe, haue ich nun in die Tasten.

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